Tagebuch #108

Bücher die ich gelesen habe

Ich möchte hier ein paar Bücher vorstellen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Dies, um zu zeigen, mit was für Gedanken ich mich beschäftige. Da ist einmal das Buch von Michael Schmieder „Dement, aber nicht bescheuert. Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken“. Ullsteinverlag. Das Thema interessiert mich, weil ich vor ein paar  Jahren, bis zu ihrem Tod, Müeti gepflegt habe. Wenn ich zu ihr kam, hat sie mich jeweils zärtlich begrüsst. Wenn ich sie gefragt habe:“ Gell Du weißt wer ich bin?“ So hat sie mir geantwortet: „Ja du bist der Aetti“.

Michael Schmieder erzählt als Leiter des Pflegeheims Sonnweid in wundervoller Weise über Dementkranke. Seine nie theoretisierende, sondern beschreibende Art lässt uns hinein einblicken in den praktischen Alltag mit Dementkranken. Das Pestalozzi-Wort „Vergleiche nie ein Kind mit einem andern, sondern mit sich selbst“ nimmt er ernst und wendet es in  seiner Achtung vor all den sogenannt Kranken an: Jeder Mensch ist eine Individualität und hat seine persönliche Lebensgeschichte. Er hat das Recht sich so zu äussern, wie er es im Moment kann und will. Demenz heisst unter anderem, dass die kognitiven Fähigkeiten beschränkt werden. Das Emotionale, Gefühlsmässige ist noch da. Es äussert sich ehrlich, ohne Barriere und gesellschaftlichen Normen. Wie beim kleinen Kind. Oft kann der Zugang zu diesen Menschen nur noch durch Körperkontakt, Musik, Emotionen usw. gefunden werden. Das Buch zeigt die Würde den nicht einfach zu pflegenden Demenzkranken gegenüber. Jeder Kranke ist ein Einzelfall und erfordert jeden Tag die Suche nach immer neuen Lösungen. Dass das wache Ich sich wie versteckt und nicht mehr durch zu dringen vermag, soll nicht verhindern, jedem als eigenständige Persönlichkeit zu begegnen. Ein Zukunftsbuch. Und eine Hochachtung all den PflegerInnen gegenüber, die diese Arbeit würdevoll erbringen.

Selbst 77jährig, bin ich selbst davon nicht gefeit, auch einmal dement zu werden.

Kamila war an einer Sofalesung in Bern und brachte mir das Buch eines Berners Namens Michael Nejedly: „Es het nid ufghört Tag z si“. Das Buch erzählt von A bis Z von einem WK in der Schweizer-Armee. Und dies vorwiegend im Bundesratsbunker in den Bergen. Dieser Roman ist nicht leicht zu lesen, da er in Dialekt geschrieben ist. Ich war selbst viele Wochen im Militärdienst der schweizerischen Armee und kenne, was passiert, wenn Männer unter einander, diese ineffizienteste, langweiligste Zeit ihres Lebens vollbringen. Es gibt fast nur noch die Möglichkeit sich an sexuellen Sprüchen und Witzen hinunter zu geilen und Alkohol zu trinken. Dies zeigt der Romanschreiber als nicht moralisierender Berichterstatter vergnüglich.

Das Buch zeigt fast apokalyptisch, wohin so zwei Wochen hinführen. Man ist erstaunt, wie Männer so etwas überstehen.

Ich selbst erlebte einen Militärdienst auch anders. Als Sanitätssoldaten bekamen wir den Auftrag im Melchtal Schwerstbehinderte zwei Wochen lang zu pflegen und zu transportieren. Für die Patienten waren das Ferien von den eigenen Angehörigen und Institutionen. Obwohl kaum einer unserer Männer Erfahrungen in der Vollpflege und Ernährung von z. T. Schwerstbehinderten hatte, war die Motivation von uns gross alles möglichst gut zu machen. Wir wurden von Krankenschwestern eingeführt. Nach zwei Wochen haben Patienten und wir Männer uns so sehr mit einander verbunden, dass uns der Abschied schwer viel. Ich immer politisch denkend, formulierte einen „Aufruf von Melchtal. Für sinnvolleren Militärdienst“, den ich von allen Soldaten unterschreiben liess. Diese schickte ich an die Militärdirektion. Ich glaube kaum, dass diese politische Aktion jemals Wirkung gezeigt hat.

Meine andere Aktion in Bezug zum Militär war folgende: Ich beteiligte mich am „Kirchenasyl“ für Asylanten. Damals vor allem für Tamilen. In dem Zusammenhang wurde ein afrikanischer Lehrer mit seiner Familie, den unsere Aktion bei einer Täuferfamilie im Jura versteckt hatte, Morgen früh mit Militärhelikopter aus Payern gefangen genommen und nach Zaire, das unter dem Diktator Mobudu litt zurückgeschafft. Mit andern zusammen protestierte ich als 48jähriger und liess über einen Leserbrief im „Bund“ sagen, dass ich hinfort jeglichen Militärdienst verweigere. In einem öffentlichen Militärprozess versuchte ich in einem letzten Wort, das eine Stunde dauerte, zu zeigen, wie die Schweizer-Wirtschaft zusammenhängt mit dem Umgang mit politischen Opponenten solcher Diktatoren. Unser Flüchtling musste ausgeschafft werden, damit das Schmieröl der Wirtschaft floss.

Ich selbst musste für ein paar Wochen ins Gefängnis, was für mich wieder ein einmaliges Erlebnis war. Also diese Beispiele zeigen, dass man mit dem Militär auch kreativer umgehen kann.

Manchmal werden Bücher, die man länger nicht mehr gelesen hatte, zu neuen Erlebnissen. Vor 33 Jahren las ich das Buch „Freiheit und Liebe. Grundlagen einer neuen Ästhetik der Zukunft“ von Diether Rudloff. Verlag Freies Geistesleben. Da ich Vieles vergessen hatte, las ich es von Neuem. Rudloff zeigt zunächst die Bankroterklärung der Ästhetik in der heutigen Zeit. Diese Orientierungslosigkeit in der Kunst, aber auch bei den Kunsterklärern. Rudloff, wie immer, baut seine Ästhetik von Grund auf neu: Er zeigt wie es drei Phasen der Ästhetik gebe: eine vorästhetische, eine ästhetische und eine nachästhetische. Die erste geht von der Antike bis in den Barock (1750), die zweite von der klassizistischen bis in die Moderne(1950), die dritte ab Moderne. Die erste wird getragen von Plato und Aristoteles, die zweite von Goethe und Herder, die dritte von Rudolf Steiner und Solowjew. In der erste gibt noch eine alte Einheit von Kunst und Leben, in der zweiten zerfällt sie, in der dritten gibt es eine neue Einheit. Die erste Phase zeigen unbewusste Bilder, in der zweiten  Bildlosigkeit, in der dritte bewusste Bilder. Diese Phasen werden nacheinander mit den von Jean Gebser in „Ursprung und Gegenwart“ gebrauchten Prinzipien, magisch-mythisch, mentale und integral versehen.

Nun stellt Rudloff sehr klar die Polarität des Platonismus und des Aristotelismus dar: Plato träumte das Himmelsbewusstsein. Aristoteles das wache Erdenbewusstsein. Der Erstere propagierte die Ideen als lebendige Urbilder, der Andere die Ideen in den Dingen. Für Plato war die Geisteswelt eine Realität, für Aristoteles die Sinneswelt. War für Plato das Ich und die Welt eine Einheit, so erlebte Aristoteles das Ich und die Welt getrennt. Plato strebte religiös vom Kosmos zum Menschen, Aristoteles wertneutral vom Menschen zum Kosmos. Plato zeigte, wie es Raffael darstellt in den Himmel, Aristoteles zur Erde. Plato wollte Inkarnation der Ideen, Aristoteles Transsubstantiation der Materie. Plato legte im Künden der Kunst den Keim der Liebe, Aristoteles im Können der Kunst den Keim der Freiheit.

Rudloff stellt die verschiedenen Erscheinungsformen und Sinne in den Zusammenhang mit den Künsten:

Begriff:                      Dasein                      Dauer            Kraft

Erscheinung:           Raum                        Zeit                            Wirkendes

Erlebnisform:           Nebeneinander      Nacheinander         Ineinander

Sinn:                         Auge                         Ohr                            Tastsinn

Kunst :                      Malerei                     Musik, Poesie          Plastik

Erkenntnis:               Imagination  Inspiration                Intuition

Rudloff zeigt die Polarität zwischen der Klassik und der Romantik:

Klassik                                                         Romantik

Goethe                                                         Novalis

apollinisch                                                  dionysisch

Freude am Irdischen                                 Schaffen für die Ewigkeit

will beglücken                                            will veredeln

empirisch                                                    intuitiv

Vergangenheit                                           Zukunft

Arkadien                                                      Elysium

Griechentum                                               Hebräertum

vorgeburtlich                                              nachtodlich

Vergangenheit                                           Zukunft

Inkarnation                                      Exkarnation

verzauberte Natur                          Streben nach der Vision

impressionistische Haltung                     expressionistische Haltung

Kunst als Erlösung                        Kunst als Therapeutikum

Abweg: sinnlicher Naturalismus Abweg: geistiger Naturalismus

                      

Die solowjewische Kunstauffassung stellt Rudloff so dar:

Finsternis                                         Licht

Materie                                             Idee

Chaos                                                          Kosmos

Gestaltloser Stoff                            gestaltende Form

Transsubstantiation                                  Inkarnation

von unten nach oben                    von oben nach unten

lichttragende Materie                    verkörpertes Licht

Zum Schluss stellt Rudloff Rudolf Steiners grossartige Parabel der sieben Künste im anthropologischen Zusammenhang dar, wie er, Rudolf Steiner, es in den Kunstvorträgen 1914/15 gezeigt hat.

Architektur                                                                                                 Soziale Kunst

physischer Leib                                                                                        Geistesmensch

            Plastik                                                                                 Eurythmie

            Ätherleib                                                                             Lebensgeist

                      

                       Malerei                                                        Dichtung

                       Astralleib                                                     Geistselbst

                                                          Musik

                                                            Ich

Künste des Raumes                                                                                Künste der Zeit

Diese Parabel zeigt die Entwicklung von der Architektur über die Musik zur sozialen Kunst im Zusammenhang des Raumes und der Zeit. Wir sehen dass der aufsteigende Ast der Parabel noch zukünftig ist. Die soziale Kunst, um die wir so mühsam ringen, erst in Zukunft errungen werden kann.

Diether Rudloff, einer meiner besten Freunde, leider schon früh verstorben,

führte uns hinein in die Welt der Kunst, z.B. anhand der katalanischen Romanik. Er hat sich als individueller Anarchist, oder anarchistisches Individuum bezeichnet, wie dies Rudolf Steiner in der „Philosophie der Freiheit“ gezeigt hat und Heinrich Pestalozzi in seiner Weltformel beschrieb: „Der Mensch ist Werk der Natur. Der Mensch ist Werk der Gesellschaft. Der Mensch ist Werk seiner selbst“. Erst dort wo der Mensch frei ist von Trieb und Norm, nur noch sich selber gehorcht, ist er wirklich Mensch, Anthropos, individueller Anarchist.                            

Die Koberwitzer- Briefe von Rudolf Steiner an Ita Wegmann und das Doppelgänger-Wesen in der anthroposophischen Bewegung.

Briefe und Meditationen für Ita Wegman. Verlag des Ita Wegman Instituts

Erschütternd die handgeschriebenen Koberwitzer-Briefe: Man ahnt darin die Einsamkeit Rudolf Steiners und seine Sehnsucht nach nächster Nähe, nach Ita Wegmann. Die Tatsache, dass diese Briefe lange im „Giftschrank“ eines Archivs der anthroposophischen Öffentlichkeit vorenthalten wurde und doch diffus bekannt waren, ist vielleicht der Urgrund dieses Gesellschaftsstreits in den Dreissigerjahre und später. Denn diese Briefe enthalten doch die Begebenheit, dass ein Mann sich neben seiner Frau zu einer andern Frau, karmisch begründet, unendlich nahe fühlt und sich auch nach dieser Nähe sehnt. Diese sehnenden Briefe sind für mich das Tiefste, das Persönlichste von Rudolf Steiner: Ein Mysterienlehrer, der es wagt, im Allerpersöhnlichsten sich aus zu drücken. War diese in anthroposophischen Kreisen unausgesprochene Nähe Rudolf Steiners zu Ita Wegmann ein Skandalon, der die gewaltigen Motive bildeten um in Ita Wegmann einen machtergreifenden Doppelgänger zu sehen? Was passierte in Marie Steiners Seele, die mit grösstem Einsatz der anthroposophischen Sache diente, und am Ende des Lebens Rudolf Steiners eine Beziehungs-Konkurrentin in Ita Wegmann zu erkennen scheint?

Was geschah im feinfühligen Dichter-Fürsten Albert Steffen, der in tragischer Weise den Vorsitz der Anthroposophischen Gesellschaft führen musste? Glaubte er durch dick und dünn  zu Marie Steiner halten zu müssen und damit gegen Ita Wegmann vorzugehen? Es türmte sich ein gewaltiges Doppelgänger-Wesen gegen Ita Wegmann auf, das vielleicht genährt wurde durch innere Verletzung der Ehefrau Marie Steiner? Dass Rudolf Steiner Ita Wegmann auserkor, die „Erste Klasse“ zu führen, ist es das, was Ita Wegmann in den Augen anderer so mächtig machte, obwohl Ita Wegmann diese Macht nie ausspielte?  Solche Fragen kommen mir  beim Lesen dieser Koberwitzer Briefe in den Sinn.

Doch erzeugt die ganze sogenannte Rehabilitierung von Ita Wegmann nicht wiederum neue Doppelgänger? Sind nun Albert Steffen, Hermann Poppelbaum, Günther Wachsmuth und Marie Steiner endgültig Bösewichte in Bezug der schrecklichen Ausschlüsse wichtigster spirituellen Anthroposophen?

Albert Steffens Werk mit seinen Dramen, seiner Lyrik und Prosatexten, seiner imaginativen Malerei ist für mein Leben von grösster Bedeutung. Ich war im Sommer 1963 an der Jugendtagung als Albert Steffen starb. Wir sangen mit Joseph Gunzinger „Lasst uns die Bäume lieben“. Ich habe die Tagung dann in einem Leserbrief im „Goetheanum“ beschrieben.

Ich habe seine Dramen Manichäer, Pestalozzi, Lin und Märtyrer im Schlössli Ins mit 150 Kindern, Jugendlichen  MitarbeiterInnen aufgeführt. Seine Lichtgestalt bleibt für mich unberührt von seinen offensichtlich auch dunklen Stellen. - So gab Günther Wachsmuth mit seinen naturwissenschaftlichen Büchern mir Grundlagen in meiner Lehrertätigkeit. - Hermann Poppelbaums  „Tierwesenskunde“ war für mich geistige Orientierung beim Studium der Zoologie an der Universität Bern.

Es ist zu wünschen, dass wir nicht nur einseitig rehabilitieren. Alle, die sich für die anthroposophische Sache einsetzen und eingesetzt haben, mit all ihren Schatten- wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten – sollen rehabilitiert werden. Wir sollen über die Schatten sprechen können, nichts darf unter den Teppich gekehrt werden, aber dies mit Würde und Achtung, dass dahinter eben auch viel Licht ist. Das Offenlegen der Schwächen, also in einer Art „Wahrheitskommissions - Arbeit“ ist wichtig. Ertragen wir die Schatten hinter den Lichtgestalten? Hat uns Rudolf Steiner nicht gelehrt, dass gerade das Böse, dass Dunkle, Motivation in uns sein kann, dass wir im Sinne des Menschheitsrepräsentanten immer wieder einen ersten Schritt in Richtung Freiheit gehen?

‹ zurück zur Übersicht