Tagebuch #116

Üse Chriesiboum isch mi Bodhi-Boum

Immer noch Sonnenwetter. Jeden Tage neue Blumen im Park: grazile, blaue und violette Akelei, wunderschöne blaue mit Gelb verzierte Lilien, Rosenknospen. Diesen Frühling alles zu früh. Und zu trocken. Es besteht die Hoffnung, dass es bald regnet. Gestern waren Kamila und ich auf der Vue des Alpes und Tete de Ran. Ganze Weiden voll Narzissen. – Im Rosenhofpark ist nun auch der Kräutergarten neu erstanden. Dank Kamila und ihren HelferInnen. Im Paradiegärtlein wachsen jetzt auch blaue Himmelsleiter. Passend zum Paradies. - In der Arena sind die Tierkreistrohne mit meinen Tierkreissprüchen, die ich vor vierzig Jahren für das Johannifeuer formulierte angeschrieben. Diese Sprüche sind durch all die Jahre des Gebrauches immer bedeutungsvoller geworden.

In der Corona Zeit geht das Leben im Schlössli weiter. Alles auf Distanz. Die Brunnenmauer neben dem Tellenhof muss repariert werden. Ich hab schon tagelang mit einem Kalkmörtel ausgefugt. Eine Tätigkeit, die ich über vierzig Jahre nicht mehr gemacht hatte. Damals bauten wir mit SchülerInnen noch ganze Häuser mit Bruchsteinen im Feirefis, in Südfrankreich. Doch eine Fertigkeit verlernt man nicht.

In der Schreinerei entsteht durch den Verein „Kunst und Werkstatt“ eine Handwerker- und Künstlergemeinschaft. Trennwände mit Fenster sind entstanden, einen Keramikraum, ein Raum für den Archidekten und eine Disignerin, ein Imkerraum, und natürlich die Schreinerei. Vor der Schreinerei ist neu angepflanzt worden.

„Inslot“ gestaltet gerade einen Garten hinter dem Fenishus. Die Tulpen beim Treppenaufgang zum Bärwolfhaus blühen in allen Farben. Ein Geschenk von Dorothee. Auf dem Jodel werden Kartoffel gesetzt.

Die ehemalige Lingerie im Lilienhof, die dem Schlössli jahrzehntelang gedient hat, ist umgebaut worden. Man hat die zu grossen Maschinen ausgebaut und die drei Räume effizienter zum Nutzen gebracht. In dieser Lingerie arbeiteten legendäre Frauen, wie z. B. Käthi Spring und Maria Reggiolongo.

Am 22. April hatten wir die Jahresversammlungen der Stiftung Seiler, der Schlössli Ins AG und der Stiftung für Heimpädagogik. Dahinter ist die Riesenarbeit von Tom. Er macht nun die Buchhaltung selbständig. Der Revisor hat ihm attestiert, dass alles in Ordnung ist. Seit dem Herbst 2014  ist nun Tom Grossenbacher in unserem Büro und verwaltet alles Administrative. Obwohl wir anfangs durch das Chaos nach dem Zusammenbruchbruch des Schlössli durch zu kämpfen hatten, heute stehen wir konsolidiert da, alles ist bestens geordnet. Unsere MieterInnen schätzen die Klarheit von Tom. Wir sind liquider geworden. Doch brauchen wir jeden Franken. Den die Häuser haben einen Riesenbedarf für notwendigen Ivestitionen. Und wir müssen leider noch immer auf Fremdkapital greifen um das alles finanzieren zu können. Glücklicherweise bekamen wir eine grössere Spende von einer Zürcherstiftung, dahinter eine ehemalige Schülerin von mir steht.

Bald lockern sich die Corona-Massnahmen. Bald gehen die SchülerInnen wieder in die Schule. Was erwartet uns die Zukunft? Täglich gibt es neue Prognosen, die sich aber schnell wieder entwerten. Eigentlich weiss niemand etwas Sicheres. Bleiben wir bei der Gegenwart. Fast der sicherste Wert im Moment. Füllen wir jeden Tag mit kreativem Bewusstsein. Z. B. mit lesen. Ich lese im Moment wieder Stefan Zweig(1881 -1942): „Sternstunden der Menschheit“, „Der Mensch von gestern“. „Die Schachnovelle“, Gedenkbücher. Es ist erstaunlich, wie dieser Wienerkünstler, der zum Europäer wurde, mit faszinierender Erzählkunst menschliche und menschheitliche Prozesse beschreiben kann. In ihm haben wir noch einen umfassend gebildeten Humanisten. Er war der meistgelesene Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist am Hass des Faschismus zerbrochen.

Seit letzten Herbst schreibe ich berndeutsche Kurzgeschichten. Es sind schon über vierzig solcher Geschichten entstanden. Hier ein Beispiel:

Üse Chriesiboum isch mi Bodhi-Boum

Vor üsem Bakon u vor mim Büro isch ä  füfzämeter höche, wiude Chriesiboum. Jetzt blüet är grad wider. Mit sine aberdu usige Blüete isch das ou das Jahr äs Fescht. Mi chönt meine, äs heigi uf dä Boum gschneit. Das Blüetewyss stimmt eim grad ine heiligi Stimmig. Äs wär grad schwierig jetz grad z lüge, oder öppis böses z dänke. Die Blüete, fasch nid ärdig, eifach us däm herte Houz usegschprunge beidrucke mit ihrer Reinheit aus Gschöpf vom Himmu, wo dä Stärne. Sie bringe dr Himmu uf Ärde. U das hie tuusigfach. U wes de no chli warmet u d Beii die Blüete bsueche, heimer no grad d’Muusig drzue.

Das isch am Boum si heiligschti Zyt. So wird jede Blüete-Boum zu me ne heilige Boum. U wem d’Gschicht vom Buddha kennt, so weiss me ou, dass är ungerem Bodhi- Boum ufgwachet sig. Das isch zwar ä Pappelfige-Boum gsi. Nid so ne gwöönleche Chriesiboum. Für Inder wär zwar wahrschinlich üse Chriesiboum ussergwöhnlich. Mir wei nid schtürme.

Was i aber wott säge, dass das Biud vom Buddha ungerem Boddhiboum ä uraute Mythos isch. Dört isch är erwachet zur Erlüchtig, zur höchere Erkenntnis. Ä Erkenntnis isch immer äs Erwache, wo Aues transparänt wird.

Chöi mir Bärner ou ä höcheri Erkenntnis ha? I dänke, mir heis schwieriger mit üsne dicke Schädle. U doch hei mir Bärner öppis ganz schtark: Liebi u Reschpäkt zur Natur. Viellecht plagiere ig jetzt grad ä chli. Aber d’ Gärte vor üsne Hüser, uf üsne Balkone zeigi die Liebi u Fürsorg für die jede Frühlig widergebornigi Pflanzewäut. Die wärde zwar meischtens vo dä Froue pflegt.

So lige nig im Büro uf mim Bett u ha grad vor mir dä Chrisiboum, wo jetzt grad so tuusigfach blüet. Auso ou ig bi so nä bärndütsche Siddhartha. Ou ig ha so Erlüchtigi, so höcheri Erkenntnis. U mängisch funkletz u blitzt nume so. -  I weiss no, wie nig vor me aus zä Jahr ufgwachet bi u mi no grad cha erinnere, was ig im Schlaf träumt ha. Nid grad ungerem blüeige Chriesiboum. Was söus. I weiss sit däm Morge, dass d’Wermi nid nume dr Gägesatz isch vo dr Cheuti, sondern zwüsche dr Wermi u dr Hitz isch. Isch das nid ä höcheri Erkenntnis? Immerhin ha ni du schpäter über d’Wermi äs Büechli gschribe. Mis Problem isch nume, dass mini so höchi Erkenntnis bis jetzt so wenig Mönsche interessiert het. Isch das wichtig? Für mis Ego scho. Dir gseet, dass isch aber wiederume nid so buddhistisch. Mi söt säubschtloser wärde.

Trotzdäm isch üse Chriesiboum mi Bodhiboum. Au we nig no lang nid ä Buddha bi. I ha ja no chli Zyt. Das brucht bi mir no äs paar Ärdeläbe. I freue mi uf die nächschtjährige Bluescht, aber ou no uf au die zuekünftigi, wo mer ermögliche, immer no chli me höcheri Erkenntnisse z übercho mit ä chli weniger Egos.

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