Tagebuch #117

Es ist Zeit der „Isheiligen“. Eiszeit musste auch ich durchmachen: Ich liege im dritten Spital, in der Klinik Arlesheim. Das Drama hat vor mehr als vierzehn Tagen begonnen: Ich musste mit grausam starken Rücken- und Brust-Schmerzen in den Notfall des Spitals Aarberg eingeliefert werden. Die Schmerzen waren kaum aushaltbar. Ich glaubte mich zwischen einem Ambos zwischen Rücken und Brust schmerzhaft zusammen gepresst. Im Spital linderte man mir den Schmerz und machte allererdenkliche Untersuchungen und fand nichts Sicheres. Man liess mich nach Hause. Nach ein paar Tagen zuhause fingen die Schmerzen wieder an, aber noch viel stärker. Wieder war ich in Aarberg. Am nächsten Tag wollte man mich operieren, wollte die Gallenblase heraus nehmen.

Wir wollten aber noch eine Zweitmeinung von der anthroposophischen Klinik Arlesheim. Dort stellte man noch am gleichen Abend fest, dass meine Gallenblase entzündet ist und man verlegte mich in das Spital Dornach.. Dort wurde mit die Gallenblase entfernt. Im Warteraum nach der Operation glaubte ich mich wie in einem Film. Ich glaubte, dass die Aufwachphase stundenlang dauere. Nun lag ich in diesem Spital, mit Hochleistung der Operations-Technik am Bauch operiert. Nur gerade vier kleine Öffnungen am Bauch brauchten sie dazu. Ich wurde mit Medikamenten voll gestopft. Die meist jüngeren Pflegenden, oft mit Migrationshintergrund, versorgten mich aufs Beste und mit grossem Engagement und Hingabe.

Nun liege ich wieder in der Klinik Arlesheim. Das Ziel ist hier, dass ich mich von den Strapazen erhole. Der Paradigmawechsel vom Dornacherspital zur hiesigen Klinik ist frappant: Hier geniesse ich ein humanes ganzheitliches Menschenbild. Hier erhält der Mensch mit Leib, Seele und Geist wieder seine Ganzheit.

Nun las ich das Buch „Mosaik des Herzens“ der lettischen Dichterin und Philosophin Zenta Maurina (1897 – 1978). Das Werk der Autorin lernte ich in der Zeit kennen, als ich in den Neunzigerjahre Gastprofessor war an der lettischen Universität in Riga. – Das Buch ist gerade Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden. Zenta Maurina ist auf der Flucht. Sie hat ihr Heimatland, an dem sie so verbunden war, an die Russen verloren. –

Nun, in diesem Buch nimmt sie einige Grundwerte des Menschen und sucht sie im Umfeld des menschlichen Lebens darzustellen. Es fällt auf, dass sie umfassend gebildet ist und stets mit Beispielen europäischer und asiatischer Geistesgrössen diese Werte untermauert. – Ich versuche Einiges davon hier zu skizzieren und vielleicht auch mit eigenen Erfahrungen zu ergänzen. – Immer wieder zeigt sie, wie der Mensch eine Geistesmacht sein kann, aber zugleich schlimmer als das Tier bestialisch handelt. –

Ihr wichtiges Prinzip ist das lettische „Schön-Gute“.  Und das ist Weiss.  Weiss ist der liebe Gott, weiss ist die Mutter, weiss sind glücklichen Tage. Weiss ist der lettische Gott Dies, der über die Felder geht und das Land fruchtbar macht. Goethe hat dieses „Schön-Gute“ sinnlich sittlich genannt. Dies zeigt er in seiner Farbenlehre.

Sie schreibt nun über die Ehrfurcht. Das Tier kennt nur Furcht. Der Mensch kann sich zur Ehrfurcht, etwas Höherem gegenüber, entwickeln. Ehrfurcht, das Gehör für höhere Dinge. Ich selber habe immer zu grossen Persönlichkeiten, wie Hildegard von Bingen, Pestalozzi, Troxler, Gandhi, Steiner, Fromm u. a. Ehrfurcht gehabt. Das ist für mich nicht schwer. Doch neigte ich mich auch vor dem kreativen Kind, vor dem genialen Jugendlichen, vor der tüchtigen Hausmutter, dem engagierten Klassenlehrer oder Lehrerin.

Mitleid: Mitleid eröffnet uns die Seele unserer Nächsten, wie eine Knospe in der Sonne. Mitleid ist nur etwas für den fähigen Menschen. Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es. – Nietzsche, der sarkastische Formulierer gegenüber allem Sentimentalen, sieht am 3. Januar 1889 in Turin, wie ein Kutscher sein Pferd grässlich misshandelt. Nietzsche fällt dem Pferd weinend um den Hals. Dann ist sein Geist für mehr als zehn Jahren umnachtet, bevor er stirbt. Niemand kann mit Sicherheit sagen, was im Innern von Nietzsche damals passierte. –

Schmerz: Körperlicher Schmerz habe ich gerade erlebt. Für mich eigentlich unerträglich. Nie habe ich Schmerzen gut ertragen. Dabei ist ja der körperliche Schmerz glücklicher Weise oft nur vorübergehend. Dann bleibt er eindrückliche Episode.  Seelischer Schmerz, wie Todesverlust, Liebesentzug, Verrat eines Freundes, bleiben oft länger haften. Ich selber kann die seelschen Schmerzen meist gut überwinden, oft in langwierigen Prozessen. – Oft sind Leiderfahrungen bei Genies grösste Quellen der Erkenntnis. – Wir werden durch Lust gezeugt und durch Schmerzen geboren und wenn wir Glück haben, können wir lächelnd sterben. – Der lettische Romantiker Poruks, ein Hölderlin des Nordens, sieht den ganzen Erdball als Träne und die Sterne Tränen

Gottes. – Dem heroischen Menschen ist der Schmerz ein „malgré tout“, ein Trotzdem, wie bei Beethovens Neunten Sinfonie an die Freude. Er selber, schon völlig taub, erschafft aus seinem Innern die gewaltigste Musik und verwandelt Schmerz zur Freude. Dies haben auch Dostojewskij, Romain Roland und Nietzsche in ihren Werken gestaltet. Auf schwache Menschen wirkt der Schmerz verheerend.

Nicht die Verzweiflung ob dem Schmerz ist das Schlimmste, sondern die Depression. In der Verzweiflung bäumt sich alles gegen den Schmerz auf.

Zenta Maurina: „Wir dürfen aus unserem Schmerz nicht Fesseln schmieden, die uns an Verzweiflung und Melancholie ketten, wir müssen tief in ihn hinabsteigen, wie in einen dunklen Bergschacht, ihn ganz durchleben, um aus ihm Marmortreppen zu meisseln, die uns in den Tempel der Freude führt.“

Freude: Freude ist nicht mit Vergnügen und Genuss zu verwechseln. Freude macht gut, doch nur Menschen edler Natur. Im Kunstgenuss, etwa der Musik, entsteht Freude. Seneca: „ Sorge vor allem für eines, mein Lucilius, lerne dich freuen.“. Die Blume der Freude ist ein zartes Gebilde, nicht in jeder Seelenerde keimt und gedeiht sie. Eine unerlässliche Vorbedingung zur Freude ist das Wohlwollen Menschen Tieren und Pflanzen gegenüber. Eine Quelle der Freude kann ein Sonnenuntergang, ein Regenbogen, eine fünfblätterige Hagebuttenblüte sein. Franziskanische Freude, ein Vorbild aller Freudesucher. Humor begabte Menschen haben Zugang zur Freude. Das Lächeln schlägt Brücken von Mensch zu Mensch. Es hebt uns über die engen Grenzen der Völker und Sprachen. Freude entsteht zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein und edler Bescheidenheit. Die unversehrbare Seele ruht in Gott. Freude entsteht in der Stille und Abgeschiedenheit. Im Menschen wohnen Tier und Gott in banger Nachbarschaft. Leibliche und seelisch Gesundheit unterstützen die Freudefähigkeit. Freude fusst nicht auf Besitz. Sie kann durch Bedürfnislosigkeit gesteigert werden.

Kameradschaft: Kameradschaft entsteht durch äussere Umstände an der Arbeit, im Militär, im sozialen Einsatz. Nicht das eigene Ich ist wichtig, sondern das Wir. Auf einen Kameraden kann man zählen, auch für praktische Dinge..

Die Freundschaft entsteht jenseits des Trieblebens. Freundschaft ist nicht nur ein Geschenk, es ist Anstrengung. Man kennt dem Freund seine Licht- und Schattenseiten, ohne sich von ihm abzuwenden. Es ist schwer einen Freund zu finden, noch schwerer Freundschaft zu bewahren. In der Freundschaft erlebt man, dass zwei Einsamkeiten einander schützen. Montaigne: „In Wahrheit, mein lieber Saint-Vincens, ist nichts vollkommen, nichts vollendet, nichts empfindungsfähig ohne Freundschaft.“

Einer der grössten europäischen Dichter, in der Epoche vor, während und nach dem ersten Weltkrieg ist der Franzose Romain Roland mit dem grossen Roman „Jean Christoph“, eine Epopöa der Freundschaft zwischen den verfeindeten Völker Deutschland und Frankreich. Seine Freundschaft mit der viel älteren in Rom lebenden Deutsche Malvida von Meysenbug ist ein Höhepunkt der Freundschaft grosser Geister. Da gibt es noch die Freundschaft zwischen Rodin und Rilke, zwischen Goethe und Schiller.

Meine innigste Freundschaft hatte ich mit dem Kulturhistoriker Diether Ruddloff. Er war mir Mentor, humorvoller, manchmal auch polemischer Gesprächspartner. Sein umfassendes Wissen, über Anthroposophie begeisterte mich. An seiner Totenbahre verharrend, durch das flackernde Kerzenlicht belebende Gesicht, daneben die grosse Bibliothek. Neben der „Philosophie der Freiheit“ von Steiner stand der „Wendekreis des Krebses“ von Henri Miller. Ein paar Tage vor seinem Tod empfahl er mir die „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ des tschechischen Autors Kundera. Dort wird unter anderem über die Bedeutung des Kitsches referiert. In dieser Freundschaft erlebte ich, dass Freundschaft ein Geben und Nehmen ist. Jeder bekommt vom anderen etwas.

Freundschaft kann auch zur Wahlverwandtschaft werden. Man fühlt sich wie in einer geistigen Familie. Angehöriger nicht des Blutes, sondern des Geistes. Wie einem anonymen Orden zugewandt, innerhalb, wo gleiche Grundmaxime walten.

Liebe: Ein vieldeutiges Wort. Erst derjenige der einmal das Herzflattern und die Sehnsucht der Verliebtheit erlebt hat, kann da mitreden. Die mittelalterliche, katharische Minnekirche hat die Liebe, die sie Minne nennt, zum Gestaltungselement einer Gesellschaft gemacht. Der Troubadour, voll im Leben integriert, versuchte Menschenminne zu verwirklichen. In seinen Liedern bekennt er sich zur Verehrung und Minnedienst einer hohen Frau.

Mit etwa fünfzig Jahren, verliessen Etliche die Gesellschaft und gingen, oft zu zweit, in die Einsamkeit um Gottesminne zu verwirklichen. Diese Cathari, diese Reinen, wurden aber dann auch Führer, Berater, Ärzte dieser Minnegesellschaft. Diese Minne wird im „Parzival-Epos“ von Wolfram von Eschenbach explizit dargestellt.: Von der perversen Vergewaltigung, über die erotischen Annäherungen, der Verehrung einer Frau bis zur geistigen Liebe einer Sigune , die ihrem toten Geliebten nachtrauert. All die Variationen der Liebe sind Gestaltungsmöglichkeiten in einer Beziehung. Liebe zu einem Menschen ist aber auch die Bewunderung seiner Fähigkeiten, Dankbarkeit gegenüber seiner Treue, seiner Hilfe. Sie kann nicht gefordert werden. Sie ist eine gegenseitige freie Gabe ohne Verpflichtung.

Liebe ist aber auch eine Fähigkeit. Sie ist nicht abhängig davon, ob Liebe erwidert wird. Nicht Objektliebe, im Sinne, dass man nur Lieben kann, wenn die Liebe zurück gegeben wird. Liebe zu allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Steine. So kann die Liebe verzaubern, wie sie in so vielen Gedichten formuliert wurde.

Langeweile: Es ist ja das Phänomen, dass die Zeit sich so verschieden schnell vollzieht. Und wer kennt nicht ein gähnendes Loch, wo in einem drin nichts mehr passiert? Nur die Langeweile. Jetzt zeigt sich, ob es einem gelingt, dieses gähnende Nichts zu aktivieren: Durch Gedanken, Erinnerungen, Verarbeitung von schmerzlichen Erlebnissen, durch existentielle Fragen: Wie lange habe ich noch zu leben? Was ist der Sinn meines Lebens? Was sind meine Lebensmotive? Konnte ich das tun, was ich mir vor dem Eintritt ins Leben vorgenommen habe? Fragen füllen diese gähnende Langeweile, ohne dass sie beantwortet werden müssen.

Langeweile eine Kulturkrankheit. Man versucht sie auszufüllen mit Konsum. Eine gewaltige wirtschaftliche Produktion.

Musse:  Zenta Maurina: „Musse ist Voraussetzung zur inneren Ruhe, zum Wachstum, zum Schaffen, mit einem Wort: zur Innerlichkeit. Auch das Gewissen, dieses altmodische Ding, redet nur in der Stunde der Musse. Sage mir wie du deine Mussestunden verbringst und ich sage dir, wer du bist. Tölpel und Hohlköpfe versuchen ihre freie Zeit totzuschlagen, der innerlich reiche Mensch dagegen wird immer wissen, wie er seine freie Zeit ausfüllt.

Der Philosoph der lächelnden Lebensweisheit, Lin-Ju- Tang: „Der Weise kennt keine Hast und der Hastige ist nicht weise“.

Dies Aufzeichnungen entstanden in diesen Tage des Aufenthalts in der Klinik. Klinik bedeutet ja fast so viel, wie das sich Zurückziehen in ein Kloster. Man hat Musse und Zeit zum Lesen, Denken und Schreiben.

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