Tagebuch #126

Nachdenken über das koloniale Erbe und News zur Stiftung

Im Rosenhofpark, in unserer Arena, an der Jurte, ist vom 30. März bis 23. April eine von der Künstlerin Cilgia Rageth gestaltete Ausstellung. Es ist eine partizipative Kunstinstallation über das „Nachdenken über das koloniale Erbe“.  Informationen über die Kunstausstellung:  cigliaragethkunst.ch/installation.

Es wird die Frage dokumentiert, wie z. B. auch die Schweiz, vordergründig keine Kolonialmacht, doch zu mindestens finanziell am Sklavenhandel beteiligt war. Natürlich waren auch Schweizersöldner in Afrika und verursachten unsägliches Leid unter den damaligen Afrikaner. Dazu war es bis ins letzte Jahrhundert üblich, dass man indigene Menschen nach Europa transportierte, um sie hier als Attraktion in Menschenzoos aus zu stellen. Dies alles aus einem rassistischen Bewusstsein, die in diesen gedemütigten Menschen eben nicht Menschen, wie wir Europäer sahen, sondern mindere Wesen, tierähnlich.

Ich kann mich noch entsinnen, wie wir als Kinder auf der Schützenmatte in Bern in ein Zelt mit Eintrittsgeld gebeten wurden, um die „dicke Berta“ an zu schauen. Das taten wir dann auch und waren erstaunt, wie dick so eine Frau werden konnte. Wir durften sie sogar berühren, damit wir daran glaubten, dass sie echt war. Für mich war das einfach eine Attraktion. Kein Mitleid oder Frage, ob so eine Zurschaustellung redlich sei.

Dazu gehört die Tatsache, dass in der Goethe und Schillernation Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Juden als mindere Menschen zu Millionen umgebracht wurden. Die Bevölkerung nahm es  „banal bös“, wie es Hannah Arendt formulierte, hin, weil es ja „nur“ Juden waren. Auch hier wieder das Vorurteil, eine bestimmte Menschengruppe, als  nicht als vollwertige Menschen zu respektieren.

Als Pädagoge erlebte ich tausendfach, dass Kinder, die nicht das übliche formale Wissen, etwa in der Mathematik oder Sprache sich aneignen konnten, als Menschen zweiter oder dritter Klasse galten. Auch das ist Rassismus.

In der Flüchtlingsfrage wiederum diese Ausgrenzung, als wären diese durch Not geflüchteten Menschen nicht Brüder und Schwestern der Menschheit. Die Integration in unsere Gesellschaft wird oft durch behördlichen und politischen Druck verunmöglicht.

In der Frauenfrage liegt auch das alte Vorurteil, dass Frauen weniger wertvolle Mitarbeiterinnen sind und darum auch weniger zu verdienen haben.

Wir brauchen heute mehr den je ein Bewusstsein, dass Menschen jeglicher Ethnien, oder geschlechtlicher Konstitution als Individualitäten zu respektieren sind. Jeder Mensch ist anders und erscheint uns oft auch fremd. Doch ist es unsere Aufgabe jeden Menschen versuchen in seinem „so sein wie er ist“ zu verstehen.

Rassismus ist die liebloseste Art einem Menschen zu begegnen. Der Rassist ist krank an der Lieblosigkeit jeglicher Kreatur. Auch den Tieren und Pflanzen gegenüber, überhaupt der Natur gegenüber.

Darum können wir eigentlich nur durch die Kunst sensibilisiert werden. Dies zeigt wiederum diese Ausstellung: Die Dokumentationen gehen unter die Haut, lassen einem erschauern und beschämen. Und wir sind plötzlich nicht mehr so sicher, ob wir ein Kulturvolk im echten Sinn sind. Noch viel gibt es zu tun, unser Kulturschatten in der Vergangenheit und Gegenwart auf zu bereiten. So lange wir das nicht tun, wuchert dieser Schatten oft unbewusst, kulturzerstörend.

Bald achtzig Jahre alt, habe ich selbst noch viel in mir, dass durch altes Gewohnheitsdenken Vorurteile birgt. Ich muss mein Bewusstsein noch schärfen. Der Menschlichkeit zuliebe.

Hoffnung habe ich aber, dass in vielen unserer Jugendlichen Menschen, die Offenheit da ist, den Mitmenschen im „so sein wie er ist“ zu respektieren.

Ich möchte allerdings nicht unsere Altvorderen wegen ihrem  Unvermögen verurteilen. Da war oft einfach das Wachbewusstsein noch nicht da. Es geht darum, dass wir heute diese vergangene Schuld auf uns nehmen und sie verwandeln, verwandeln in Liebefähigkeit zum andern und zu sich selbst.

Wir sind im Schlössli geehrt, eine solch eindrückliche Ausstellung Gastrecht zu geben.

In der Stiftung Seiler ist in den letzten Monaten und Wochen viel passiert. Ständig sind wir daran, unsere Häuser wohnlicher zu gestalten: Im Freyahof wurde eine neue Heizung mit Pellets installiert. Im Lilienhof ist die Wohnung im zweiten Stock Süd renoviert worden. Dort lebte ich Jahrzehnte mit meiner Familie. Kleinere Renovationen in fast allen Häusern, Auswechslung von Küchengeräten und Waschmaschinen.

Fabian, unser Hauswart verlässt uns Ende Juni. Bereits haben wir Markus als Nachfolger aus den vielen Bewerbungen ausgewählt. Seit ein paar Wochen arbeitet mit uns Michael als Architekt und Fachmann gegenüber von Renovationsarbeiten. Damit ist gewährleistet, dass wir unsere Häuser qualitativ und nachhaltig genug, weiter ausbauen.

Nun blüht der Rosenhofpark wunderbar schon seit Wochen. Es öffnet sich wie jeden Frühling das Blumenwunder der Krokusse, der Tulpen, der Vergissmeinnicht, der Trommelschlägel, der Mandel- und Kirschblüten. Der Park unter der Verantwortung von Kamila wird jeden Frühling schöner, die Besucher sind entzückt von den paradiesischen Wegen unter ehrwürdigen Bäumen, neben blühenden Sträuchern vorbei, in die Arena mit Labyrinth und Tierkreisthrone. Wieder einmal ist die Arena Ort einer kulturellen Veranstaltung durch die Ausstellung von der Künstlerin Cilgia Rageth.

‹ zurück zur Übersicht