Tagebuch #140

Mas feirefis und Moskau-einfach

Morgen sind es neunundsechzig Jahre, dass Aetti und Müeti mit uns ins Schlössli im Rosenhof eingezogen sind. -  Schon neun Jahre später gründeten wir in Südfrankreich in Ruinen in der Nähe von Bagard bei Ales das „Camp Suisse“ – so heisst das Strassenschild heute noch – das Mas Feirefis. Feirefis, der Halbbruder von Parzival, der Schwarz-Weiss Gefleckte. Die Philosophie vom Dichter des „Parzivals“ dahinter der Wolfram von Eschenbach hiess: „Der Mensch ist schwarz und weiss wie eine Elster“. Das Feirefis wurde während vielen Jahren ein wichtiger Teil vom Schlössli. Für viele ehemalige SchülerInnen und MitarbeiterInnen waren die Aufenthalte dort unten die schönsten.

Kamila und ich waren vom 19. bis zum 24. September 2022 im Feirefis. Ich war seit über zehn Jahre nicht mehr dort. Heute wird das Feirefis vom Ehepaar Uli und Daniele Bichsel bewirtschaftet. Uli war schon als Schlösslischüler im Feirefis. Später engagierte er sich in unseren Schlössli-Institutionen.

Das Feirefis ist heute zu einem Ressort mit wunderbaren Ferienwohnungen geworden. Siehe Hompage: www.ferienhof-masfeirefis.ch

All die noch von Schüler*innen und Mitarbeiter*innen des Schlössls gebauten Mauern stehen noch in alter Pracht. Innen sind die Wohnungen feinst ausgebaut, teils mit Küchen und Bad. Die Heizung ist mit Pellets ausgerüstet. Es gibt gemeinsame Toiletten und Duschen, ein schöner Gemeinschaftsraum mit Küche. Um die Häuser führen schöne mit Steinplatten belegte Wege. Die noch zu Schlösslizeiten gepflanzten Bäume sind gross geworden und geben viel Schatten. Es gibt ein Rossgehege mit Pferden und Stall.

In diesen Tagen des Besuches gab es viele Gespräche mit Uli und Daniele. Wir brachen viele Fotobücher aus dem Schlössliarchiv. Darin konnten wir die sechzigjährige Feirefisgeschichte nachvollziehen: Im Sommer 1962 fing es an, dass man die komplette Ruine – kein Dach stand – nach und nach mit Mauern aufbaute und Dächer darüber zog. Wir waren alle keine professionelle Maurer. Trotzdem haben wir tonnenweise Steine vermauert, so gut wir konnten. Wir haben Bäume gepflanzt, ein Freibad gemauert, Ställe für Pferde und Schafe hochgezogen, einfache Schlafzimmer mit Doppelbetten und Gemeinschaftsräume gebaut.

In diesem Feirefis waren die Schlösslikinder kürzer oder länger. Eine Zeit lang war immer eine Schulklasse ein ganzes Quartal dort unten. Es wurde Schulunterricht erteilt, Ausflüge in die Cevennen und in die Provence gemacht. Oft waren wir in den Pyrenäen auf der Katharerburg Montsegur.

Viele nostalgische Erinnerungen stiegen in mir auf: Habe ich dort unten als Zwanzigjähriger als Unprofessioneller, angefangen mit Bruchsteinen zu mauern, später südfranzösische Geschichte unterrichtet. Dabei habe ich mich vor allem mit der Katharergeschichte im zwölften und dreizehnten Jahrhundert beschäftigt. Oft habe ich Sternenkunde gemacht, ganze Nächte lang Sterne in Sternennetze mit den SchülerInnen verfolgt. Eine schöne Zeit.

Dann übergaben wir das Feirefis einem Verein, der durch einen anthroposophischen Arzt getragen wurde. Der hatte seine Praxisräume im Feirefis und viele Patenten. Er wollte dort ein anthroposophisches Bildungs-Zentrum aufbauen. Doch starb er vierzigjährig an einem Herzschlag.

Dann kam die lange Zeit mit verschiedensten Projekten dort unten. Vieles ging schief, bis vor zehn Jahren Uli und Daniele Bichsel das Feirefis übernahmen. Sie investierten intensiv, so das die alte Bausubstanz erhalten wurde und zum Teil neue Gebäude, auch mit Bruchsteinverkleidung, gut hinein passten und ein neues Freibad möglich wurde.

In diesen Tagen unseres Aufenthaltes erlebten wir Uli und Daniela, wie sie praktisch im Feirefis wirken, jäten, Gemüse pflanzen, Hauswartarbeiten erledigen, schauten, dass überall Ordnung ist und sauber gewischt wird. Sie selber haben dort auch eine Wohnung, wo sie viele Wochen im Jahr auch darin hausen. Gerade war auch eine Tochter mit Kind von Uli dort unten. Also Kind und Kindeskind garantieren, dass dort auch in Zukunft zum Feirefis geschaut wird.

Wir genossen die Zeit dort unten und machten Ausflüge in die Cevennen und in die Provence. Wir kehrten zurück mit dem Erlebnis, dass unser geliebtes Feirefis in guten Händen ist.

Nachfolgend veröffentliche ich einen Beitrag über einen entscheidenden Paradigmawechsel in meinem Leben im Zusammenhang mit dem Ukrainenkrieg:

Was die Weltgeschichte mit mir als Achzigjähriger machte. Oder: „Geh nach Moskau. Moskau einfach“.

Von Ueli Seiler-Hugova

Ich bezeichne mich immer noch als Achtundsechziger. Ich war damals auch an der Uni Bern. War im Achtundsechzig in Paris im Quartier Latin von Polizisten umzingelt. Molotov-Cockteil wurden geworfen.. An der Ecole des Beaux Art hing ein Gekreuzigter mit einem langen Penis. Wir trugen alle lange Bärte. Der Slogan“ Legal, illegal, scheissegal“ gefiel uns. Wir wollten die Institutionen vermenschlichen. Protestierten gegen den Vietnamkrieg und riefen: „Amis go home“ und an den Mauern entstanden Grafitis wie z. B. „Lieber Ostern als Western“, „Nepal statt Napalm“, „Reggae statt Reagan“,

 „ Enthauptet die Sprengköpfe“, “Wir erklären dem Krieg den Frieden“,

„Besser Allianz versichert als Nato geschädigt“, „Wir wissen nicht was wir wollen, das aber mit ganzer Kraft“.

Wir vergassen, dass es vor allem die Amerikaner waren, die Europa von Hitlers Faschisten befreiten. Auch die Russen führten einen verlustreichen Krieg. Doch sie befreiten, in dem sie okkupierten. Damals waren wir nicht neutral, waren gegen das Hakenkreuz und begrüssten die Amis, die uns ein demokratisches West-Europa ermöglichten, allerdings ein kapitalistisches in dem es sich gut leben liess.

Im „Prager-Frühling“ 1968 träumten wir von einer zukünftigen, gerechteren Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Kommunismus. Die nannten wir den „Dritten Weg“. Dieser Traum ist durch die russischen Panzer ausgeträumt worden.

Anfangs der Achziger Jahre lancierte ich die Volksinitiative für freie Schulwahl“ im Kanton Bern. Wir wollten die Volksschule vom Monopol der Staatsschule befreien. 25 Prozent der Abstimmenden waren dafür.

In der Organisations „Kirchenasyl“ versteckten wir von der Ausschaffung bedrohter Asylanten. Die brutale Ausschaffung der Familie Musey nach Mobutus Zaire veranlasste viele Schweizer zu persönlichen Protesten: Ich selbst schickte mein Militärdienstbüchlein dem damaligen Bundesrat, der für die Armee zuständig war, mit dem Bescheid, dass ich inskünftig jeglicher Militärdienst verweigere. Das führte dazu, dass ich für einige Zeit ins Gefängnis musste. Ich bekam damals Dutzende Briefe aus rechtskonservativen Kreisen mit der Forderung nach Russland auszuwandern „Moskau einfach“. Ich selbst wusste nicht, warum ich jetzt nach Russland fahren sollte, erst noch „einfach“. Ich war nie ein Freund des Kommunismus, auch nicht des Kapitalismus. -   Ich war natürlich für die Initiative „Schweiz ohne Armee“. Wir waren gegen Waffenproduktion und Waffenausfuhr.

Mit dem Ukrainenkrieg entstand weltweit ein Paradigmawechsel: Frühere Pazifist*innen setzen sich für Waffenlieferung an die Ukraine ein. Auch ich bin überzeugt, dass es für das Überleben der Ukraine lebensnotwendig ist, beste Waffen gegen den Aggressor Russland zu bekommen. Sogenannte konsequente Neutralität ist hier nicht am Platz. So wie wir gegen Russland im Finnenkrieg, im „Pragerfrühling“ waren, sind wir heute gegen den Usurpator Putin.

Ich war nie Freund des Imperialismus von Amerika, wie zum Beispiel im Irak und Afghanistan. Doch heute ist es Amerika, dass die Ukraine mit besten Waffen versorgt. Wer den sonst? Amerika als Retter der ukrainischen Demokratie.

Und jetzt die Pointe dieses geschichtlichen Geschehens: Jetzt, man reibt sich die Augen, sind es rechtskonservative Kreise Blochers und Köppels, die Putinversteher*innen sind und zugleich auf die schweizerische Neutralität schwören. Jhnen möchte ich zurufen; „Geht doch nach Moskau. Moskau einfach“. Man kann es fast nicht glauben: Diejenigen Rechtskonservative, die mich seinerzeit nach Moskau schicken wollten, sind nun selbst Russen-Sympathisant*innen. Ich selbst, ein lebenslanger Pazifist, Achtundsechziger- Freak, Amerikaskeptiker und Gandhibewunderer, möchte, dass die Ukraine beste Waffen bekommt und erst noch von den Amerikaner*innen.

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