Tagebuch #103

Seit dem letzten Tagebucheintrag (30. 6.) ist viel geschehen. Im Schlössli, aber auch bei mir selbst:

Am 1. bis 6. Juli war ein Freund aus Nova Ves, Vlasta, mit seiner Familie bei uns und half Kamila im Park. Unter anderem ist eine Bank beim Pizzaofen entstanden.

Am 6. Juli war ein Klassentreffen von ehemaligen Schlösser*innen. Es war eindrücklich zu hören was diese Menschen, die vor 23 Jahren aus dem Schlössli ausgetreten sind, für einen Lebensweg gemacht haben.

Am 7. Juli war ein Balltanz in der Arena. Dahinter steckt eine grössere Organisation, die an verschiedenen Orten solche Tanzfeste veranstalten.

Die Premiere unseres Stradini Theater (20. 7.) war ein Höhepunkt. Die Gruppe hat drei Wochen vor dieser Aufführung vor dem Bärwolfhus geprobt. Das Stück wurde noch einmal verfeinert. Es war eine Freude alle die Bewegungskünste, Performationen zu sehen, das Ganze mit Musik verbunden. Das Schlössli kann stolz sein eine solche Gruppe Künstler von so hoher Qualität die Basis für ihr Wirken zu geben. Sie sind nun in der viersprachigen Schweiz unterwegs.

Vom 28. bis zum 4. August kamen aus Tschechien drei Pfadfinder Familien, die im Schlössli ihre Infrastruktur hatten und zu Fuss, mit Fahrräder und Auto die Umgebung besuchten. Daneben wirkten sie im Rosenhof-Park unter der Leitung von Kamila. Sie jäteten, befreiten unsere einzige Föhre und einen Kirschbaum von Dornensträucher, flickten Mosaike an den Tierkreisthronen und im Schildkrötenteich. Einmal organisierten sie ein Pizzaessen und sangen ihre Lieder. Ich staunte wie schon die kleinen Kinder, aber auch die Jugendlichen wie selbstverständlich mithalfen. Eine wunderbare Familienkultur.

Persönlich las ich sehr viele Bücher zur Vorbereitung meines Seminars über Parzival Mitte August in Krumlov. Ich unterrichte dort das 5. Mal über den wolframschen Parzival. Also bis jetzt erzählte ich die Geschichte parallel der Kongressthemen: Schwangerschaft und Geburt, der Rubikon, das Jugendalter, der erwachsene Mensch. Nun in diesem Sommer das fünfte Mal über das Alter, Sterben, Tod und das Nachtodliche. Also das fünfte Mal, die Quintessenz. Nun bin ich nicht gerade ein spezieller Fachmann für Alterfragen, obwohl ich schon 77 Jahre alt bin.

Ich will in diesem Kongress am ersten Tag eine Zusammenfassung der bisherigen Geschichte machen, da einige bisher nicht dabei waren. Dann erzähle ich die drei Kämpfe, dann Parzival als Gralskönig und die Frage des Grals, dann das Ende der Geschichte mit Trevrizent, Kondwiramurs, Sigune, Feirefis und Repanse de Schoye, Johannesreich und Loherangrin. Dann zeige ich an Hand der Todeserlebnisse die Motive bei Sigune und Parzival.

Immer parallel zu den Tagesthemen spreche ich über Integration und Individuation im Alter, über Schicksal und Karma in Bezug auf Gnade und Trotz im Lebenslauf, über den Tod als Tor in eine andre Welt, als ein Todesprozess, ein Weg durch das Tal hindurch (Parzival). Am letzten Tag möchte ich den Blick schärfen für die esoterische Strömung, in der diese Parzivalgeschichte ist. Der wolframsche Parzival als Arche der Katharertums, das zeitgleich äusserlich von der Romkirche im Kampf um den Gral zerstört wurde. Diese geistige Strömung, die dann im Templertum, Rosenkreuzertum, in der Alchemie, durch Paracelsus, Comenius, Jakob Böhme, Goethe, Schiller, Novalis, Troxler, Steiner weitergetragen wurde. Ich zeige dann zum Schluss, wie die Wärmemeditation von Rudolf Steiner über die Wärmeprozesse zum ethischen Handeln führt. Meine Forschungsergebnisse in meinem Wärmebüchlein „Von der Wärmemeditation zur Wärmepädagogik“ in der SchneiderEdition erschienen, soll Hilfe sein für die Quintessenz meiner Parzivalseminare in diesen fünf Jahren.

Ich las auch viel. Tief beeindruckt bin ich von Isabelles Allendes Buch das “Geisterhaus“, das ja grosse Anerkennung auch in Europa bekam. Dieses Buch zeigt die Geschichte bis zur unglaublichen Diktatur in Chile. Es ist eigentlich eine Familiengeschichte, durch mehrere Generationen hindurch. Fast ähnlich wie bei den „Buddenbrocks“ von Thomas Mann, nur eben chilenisch. Faszinierend ist die Schilderung des Konservatismus und des Revolutionären in den verschiedenen Menschentypen. Wichtig sind die Frauen. Die eigentlichen Heldinnen. Doch es geistert mit parapsychologischen Praktiken, mit prophetischen Gaben, mit Kommunikation mit Verstorbenen. Das Ganze überaus spannend und dramatisch. Machovergewaltigungen und feinste Liebesbeziehungen werden beschrieben. Nie moralistisch, sondern als Tatsachen. Einer der Hauptgestalten, fast hundertjährig geworden, zeigt seine Sturheit, aber zugleich zuletzt auch seine Einsicht.

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