Tagebuch #110

Bleigiessen und Ich

Ich bin gestern nach dem Bleigiessen müde, schon um 20 Uhr Schlafen gegangen. Sofort auf dem Rücken liegend, dem Bleigiessen nachsinnend, eingeschlafen. Ich hatte schon um 12 Uhr die Kinder der Kinderinsel im Gewölbe unten zum Bleigiessen. Später dann die Erwachsenen vom Rosenhof der Insich-Institution. Der In-sich oder Ins Ich-Organisation: Es war eindrücklich, wie die Kinder, aber auch die Erwachsenen, fasziniert waren von dem heissen Blei, das durch die Erhitzung(Wärme) und dann plötzliche Erkältung in eine chaotisierte feste Form gegossen wurde.

Konfrontiert mit dem kalten Wasser, gewissermassen mit dem Knall des im Chaos erstarrter Form, nun aus dem Wasser gezogen, eine Zukunftsform ergab. Diese Form in den Händen, stiegen die Zukunftsforscher wieder die Treppe hinauf, getauft durch den explosiven Knall des Bleigiessens. All das geschah, nachdem sie vorher, ob der Treppe zum alchemistischen Gewölbe, dreimal ihren Namen rufend, erwartungsvoll hinunter gestiegen waren.

Das „Aetti-Gewölbe, der alchemistische Ort, nach Jahrzehnten immer noch erhalten, es wurde 1960, nach dem Tod unseres Bruders Beat (1952-1960), der gerade 7 Jahre, 7 Monate und 7 Tage alt wurde, als Urnenraum gebaut. Seine Urne liegt hinter einer gestaltenden Marmorplatte.

Nun ist das Bleigiessen, zur Zeit des Andreastages, Ende November, am Ende des Kirchenjahres, das ich seit Jahrzehnten vollziehe, zunächst für mich ein Muss. Aber eben auch eine Verpflichtung, diesem Ritual gegenüber, das Aetti eingesetzt hatte, die Treue zu geben. Doch nach Stunden des Sitzens, dort tief unter dem Rosenhof-Gewölbeplatz und die Zukunftsforscher mit Flötenmusik empfangend und zum Bleigiessen anhaltend, ihnen aber zuvor noch Gegenstände dieser Welt in die Hände gebend, damit sie nicht zu fest egozentrisch sich selbst empfanden, kurz noch sich mit einem Weltgegenstand befassend, sich vorbereiteten, zum Bleigiessen fähig machten.

Ich sehe all die erschrockenen Gesichter der explosiven Bleitaufe, dann die leuchtenden Augen, nun die Zukunftsform in den Händen haltend, dankbar sich verabschiedend, die Treppe hinaufsteigend.

Doch dieses Mal passierte mir etwas, was noch nie geschah: Bei der Vorbereitung – das Blei war schon im Kessel bei 327 Grad geschmolzen – packte ich all die Kunstgegenstände, die ich den Bleigiessern zuerst präsentieren wollte, aus einem Korb aus und legte sie auf ein Tischchen. Ich musste mich immer 180 Grad, beim Bleikessel vorbei zum Korb drehen. Nun passierte mir etwas Schreckliches: Ich tauchte meine rechte Hand mit den Fingern in das heissflüssige Blei. Eigentlich wollte ich noch etwas aus dem Korb ergreifen. Natürlich zog ich meine Finger schnell wieder aus dem Bleibad. Ich habe mir aber nur Verbrennungen 1. Grades zugezogen.

Was soll dieses unbewusste Eintauchen meiner Hand in das flüssige Blei bedeuten? Sofort behandelte ich die Verbrennungen mit Compudoron von Weleda mit Euzeta ( mit Kamille und Arnika). Heute beim Aufwachen spüre ich die Verbrennungen kaum mehr. Ich hatte Glück bei meiner Bleitaufe. Was soll das? Einfach eine altershafte Unaufmerksamkeit? Dann vergass ich das erste Mal mir selber ein Blei zu giessen.

Nun heute Morgen erwachte ich träumend, nach 5 Stunden Schlaf. Ich träumte von einer sozialpädagogischen Tagung in Bern: Viele bekannte Redner äusserten sich. Auch ich konnte mich einbringen. Ich sprach von der „Ich bin-Philosophie“, von „Werde der Du bist“, von „Ich war, ich bin, ich werde sein“ und von „Ich bin, der ich bin“. Diese Seins-Philosophie, ist auch bei Erich Fromm in seinem Werk „Haben oder Sein“ zu finden. Eigentlich ist es die Zen-Philosophie, die Fromm von Zenmeistern lernte, Im Werk von Fritz Widmer (1938-2010), einem des zu früh verstorbenen Berner Troubadouren, im Buch „ Gluscht u Gnusch u Gwunger (1982), gibt es eine Szene eines jungen Liebespaares, das am Gurten-Festival „Haben oder Sein“ diskutieren. All das versuchte ich an dieser Tagung in Bern zu vermitteln. Und ich war im Traum stolz auf mich, dass dies mir gelang.

Nun bin ich ja jeden Morgen beim Ritual des Insich-Projektes im Rosenhofpark, in der Arena. Dort wird stets vom Tagesverantwortlichen Sinnhaftes vorgetragen, in Form eines Liedes, eines Textes, einer Geschichte. Nun vor ein paar Tagen erzählte ein Mitarbeiter die Geschichte, wie Zenschüler zum Zenmeister kamen und ihn fragten, wie man das Glück finden kann. Er sagte ihnen: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich“. Die Schüler entdeckten in dieser Aussage noch kein Glück und fragten ihn nochmal, wie man das Glück finden könne. Er antwortete ihnen nochmals: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich“. Die Schüler begriffen immer noch nicht., wie sie glücklich werden könnten. Dann sagte der Zenmeister ihnen: „Es ist ganz einfach. Wenn ich liege, dann bin ich bei meinem Liegen und denke nicht schon ans Gehen. Wenn ich gehe, dann denke ich nicht schon ans Essen und wenn ich esse, bin ich ganz beim Essen. Ich bin zwischen der Vergangenheit und Zukunft auf Messerschneide in der Gegenwart. Das macht mich glücklich“.

Dieses Zen-Beispiel ist eine typische Seins-Philosophie. An diesem Ritual im Kreis sagt dann auch jeder zum Schluss: Ich bin. Diese Ich-Konzentration ist eine tiefe Weisheit auch der Schlösslipädagogik: „Ich bin der ich bin. Vergleiche nie ein Kind mit einem andern, sondern nur mit ihm selbst“.

Heute fahre ich mit Alma nach Bern an den Klimastreik. Auch hier wieder diese Jugend, die die Welt verändern will, indem sie sich selbst verändern wollen. Sie protestieren auch gegen den heutigen Tag des Black-Freday-Wahnsinns, der die Welt zerstört. Auch hier wieder: Die Habenkultur, der Kapitalismus muss umgewandelt werden in eine Seinskultur, wo zum Beispiel auf Fleisch verzichtet wird, auf Flugreisen und neue Kleider. Hier beschränkt man sich auf das eigene Sein, auf das eigene Ich. Dies ist auch eine franziskanische Bewegung: Nicht der Reichtum macht glücklich sondern die Armut, die aber zum inneren Reichtum führt. Es gibt unter den Jugendlichen eine sogenannte Minimalismus-Bewegung. Möglichst wenig zu haben macht glücklich.

‹ zurück zur Übersicht