Tagebuch #118

Corona-Bewusstseinssprünge

Die Coronakrise neigt sich (hoffentlich) dem Ende zu. Doch wir im Schlössli haben kaum direkt von ihr gespürt. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis niemand, der vom Virus angesteckt wurde. Alles was ich von der Krise weiss, weiss ich über das Internet. Etwas gespenstisch. Wir waren wie auf einer einsamen Insel. Leid tun mir alle in der ganzen Welt für die diese Zeit schrecklich war und noch ist.

Wie geht es weiter? Fragen sich alle nach dieser Krise. Es darf nicht weiter gehen wie bisher. Katastrophen sind da, um an ihnen zu lernen. Lernen heisst aber, Neues in seinem Verhalten zu verändern. Die Umweltaktivisten forderten vor der Krise weniger Flug- und Autoverkehr. Es schien unmöglich so etwas zu fordern. Doch es ging. So müssten alle Tätigkeiten hinterfragt werden, ob sie sinnvoll, ethisch berechtigt sind. Es ist eben verheerend, wenn man die Waffenproduktion legitimieren will, weil Arbeiter davon leben müssen. All die Menschen verachteten Tätigkeiten müssen reduziert werden.

Die Menschheit müsste sich eben entwickeln könne zu immer höherem humanen Verhalten, darin natürlich eingeschlossen ist, auch gegen über der Umwelt sich regenerativ zu verhalten.

Da ist es interessant, dass die Frage entsteht, wie eben kreative Entwicklung sich vollziehen muss. Eben nicht kontinuierlich, peu a peu , sondern in Sprüngen: Pierre Teilard de Chardin (1881 – 1955) ein französischer Jesuit und Naturwissenschaftler und Mitentdecker des ursprünglichen Pekingmenschen, versuchte in seinem Leben Geist und Materie zusammen zu bringen. Im ganzen Ersten Weltkrieg als Front-Sanitätssoldat tätig, hatte er Christuserlebnisse. Er war überzeugt, dass die Evolution immer wieder durch Geistimpulse initiiert worden ist. Also die Evolution nicht von Unten mutierte, sondern vom Geiste her: Also von der Materie in die Biosphäre(Pflanzen), von der Biosphäre in das Astralische(Tiere), vom Astralische ins Menschliche. Und das durch Bewusstseinssprünge, vom Geiste her, von Christus. Für Chardin, dessen Schriften von der katholischen Kirche verboten wurde, war das wichtigste kreative evolutive Prinzip, die Liebe. Durch diese Kraft nur kann wirklich Neues entstehen.

Das Gleiche stellte auch Jean Gebser (1905 – 1973) dar. Seine Mutationen im geschichtlichen Verlauf vom Archaischen, zum Magischen, zum Mythischen, zum Mentalen, zum Integralen ist ebenfalls durch Mutationen, durch Bewusstseinssprünge entstanden.

Der Gawan im Parzival-Epos muss zuletzt mit seinem Pferd einen Sprung über eine Schlucht strömenden Flusses vollbringen. Immer wieder der Sprung. Das Loslösen vom Alten, das existentielle Erreichen der neuen Welt. Können wir das? Wollen wir das? Jean Gebser hat in einer Art Liste diese Bewusstseinssprünge konkret beschrieben:

Anstelle der Hektik
Tritt die Stille und das Schweigen – Können;

anstelle des ausschliesslichen Ziel – und Zweckdenkens
tritt die Absichtslosigkeit;

anstelle des Machtstrebens
tritt Hingabe und echte Liebefähigkeit;

anstelle des quantitativen Leerlaufs
tritt das qualitative geistige Geschehen;

anstelle der Manipulation
tritt das geduldige Gewährenlassen der fügenden Kräfte;

anstelle des mechanischen Ordnens der Organisation,
tritt das “in der Ordnung sein“;

anstelle des Vorurteils
tritt der Verzicht auf Werturteile,

also statt Kurzschluss unsentimentale Toleranz;
anstelle dualistischer Gegensätze

tritt die Transparenz
tritt die Haltung;

anstelle des homo faber
tritt der homo integer;

anstelle des gespaltenen Menschen
tritt der ganze Mensch,

anstelle der Leere der begrenzten Welt
tritt die Weite der offenen Welt.

Pierre Theilard de Chardin
Jean Gebser

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