Tagebuch #125

Ostern und die Baumfrau

Nun ist die Sonne über den Himmels-Äquator in die nördliche Hemisphäre gewandert. Voraussetzung, dass der Prozess zum Osterfest eingeläutet wird. Jetzt muss noch der Mond voll werden und dann Sonntag, dann ist Ostern. Wie jedes Jahr Ostern. Das zentrale Jahresfest. Alles andere ist Vorbereitung oder Nachklang. Es ist Erinnerungsfest und zugleich jedes Jahr Initiationsfest. Was im Jahre Dreiunddreissig passierte, passiert jedes Jahr: Es ist Auferstehungszeit. Durch den Tod hindurch zum höheren Leben. Das was vorher sterblich war, ist überwunden. Der Auferstehungsleib zeigte sich den Jüngern, zeigte sich ätherisch, wandelte durch Mauern und erhob sich an Auffahrt.

Das ist Ostern. Immer wieder. Gerade in der Natur. Hier vollzieht sich die Auferstehung jedes Jahr. Purpurne und grüne Knospen sprengen auf wie Explosionen. Durch die Mauern des harten Holzes. Purpur, rein rein, reinste aller Farben. Moralischer Gipfelpunkt des Tierkreises. Ende und Anfang, nun im Widder, dem zurückgebeugten Haupt. Kraft nach innen gesammelt. Pionierhaft für das ganze Jahr. Marsisch, willenshaft, prometheisch die Fackel in der Hand. Der Ichträger. Einziges was rein rein ist. Was aufersteht, was Mauern bricht.   Grün: die Farbe inmitten des Regenbogens. Die Farbe des Lebendigen, der Natur. Der auferstandene Christus erscheint Maria Magdalena in Grün. Grün als spirituelle Farbe.

So erleben wir aussergewöhnliche Menschen, die osternhaft sich überwanden, durch tötende Widderstände gegangen sind. Eigentliche Menschen. Denn erst das Geisteslicht und Geistesfeuer, das sie befreite von der materiellen Einengung, das sind Menschen im eigentlichen Sinne: Maria Magdalena, Paulus, Mani, Manichäer, Katharer, Templer, Hildegard von Bingen, Franziskus, Christian Rosenkreuz, Paracelsus, Tycho Brahe, Lessing, Pestalozzi, Goethe, Novalis, Troxler, Rudolf Steiner, Simone Weil. Als Beispiele. Noch Unzählige, hier Ungenannte.

Von einer jungen Frau möchte ich noch erzählen. Sie hat, um den hundert Meter hohen Mammutbaum Luna zu schützen, über zwei Jahre auf einer sechzig Meter hohen Plattform ausgeharrt. Hat dabei gewaltige Wirbelstürme, Anfeindungen von korrupten Waldzerstörern mit Helikopter überlebt. Dieses Hindurchgehen durch tausend angstvolle Tode, durch die Verpuppung der Raupe und die Auferstehung durch den Schmetterling, darum Butterfly als Eigenname. Diese Frau hat in sich die Auferstehung erlebt. Ganz für sich, mit ihrem Verantwortungs-Ich, für ihre Freundin, die Luna. Ich habe dazu eine berndeutsche Geschichte geschrieben. Eine Ostergeschichte. Hier ist sie.

Julia Butterfly Hill, d Boumfrou.

Julia Butterfly Hill ha nig dür ihr Buech: „Die Botschaft der Baumfrau“ im Riemannverlag im Jahr 2000 kenne glehrt. Für mi isch sie i de letschte zwänzg Jahr die Frou i dr moderne Zyt, die mi am meischten beidruckt het. Wo nig kürzlech ds Buech wieder gläse ha, ha nig feschtgschteut, dass sie ou no hüt authentisch d Schicksausfrag vo dr Ärde am idringlichschte formuliert. Ohni Wenn und Aber isch sie verbunde mit der Natur, exemplarisch mit der Luna, däm hundert Meter höche Mammutboum, wo sie uf sächzg Meter Höchi uf äre Plattform usgharrt het, bis sie mit dm korrupte Boumfäller-Konzärn ä Veribarig schriftlich troffe het, dass d Luna u Umgäbig gschützt blibt. Sie isch ersch nach 738 Täg wieder abe cho, dass isch äm18. Dezämber 1999 gsi, wo sie sicher isch gsi, dass ihre Boum nid gfäut wird.

D Julia isch Tochter vom e ne Prediger u het scho dört ärläbt was Bätte heisst. Ihre Bricht us dr Luna isch immer wieder üsserscht dramatisch, we si ä Schturmluft, mit Räge unger Nuu het müesse überläbe, ohni ds wüsse ob sies überläbt. Da het sie immer wieder bättet. Sie het sich mit däm uraute Boum immer me exischtänziell verbunde. Het si Stamm u Escht lehre bchenne. Isch druf ume klätteret. Het au die Insekte u Vögu  aus äs läbigs Biotop wahr gno.

Sie isch eigetlech per Zufau uf dä Boum cho u isch dört blibe u isch natürlich vom e ne ganze Team versorgt worde. Sie het uf däm Boum mit Radioschtazione gred. So isch me ufmerksam worde uf die Boum- u Naturschützerin. Zersch i dr Nächi, de i ganz Amerika u de ou i Übersee.

Si isch vo däm krimineue Konzärn beläschtigt worde, sig das mit Helikopter, Drohige, mit Chettisägine, sie hei dä Boum agsaget, um ihre Anscht ds mache. Si isch fasch erfrohre uf dere vier Quadratmeter grosse Blattform. Sie beschribt ds karge Ässe, die minimale hygienische Versorgig. Schtändig unger Druck, vo däm Boum abe ds cho, die Proteschtakzion ohni Ärfoug ufzhöre. Zum Teil ou vo de eigete Lüt.

U äs isch idrücklich wie sie dr Wiue het gha däm Boum tröi ds blibe. Für sie isch Natur heilig u lidet für sie, wem e ganzi Wäuder umhouzt u dr dür Schlammlavine uslöst, wo de ganzi Dörfer überschwemmt. Sie isch ä Expertin worde für ne nachhatigi Hautig mit dr Natur.

Ihre zwöit sich säuber gäbnige Name heisst Butterfly. Scho aus Ching siner immer wieder Schmätterlinge uf ihri Arme u uf ä Chopf gfloge. Dr Schmätterling wird äs wichtigs Symbou für si. Dr Schmätterling het sie Exischtänz dürs Roupedasin. D Roupe muess sich verpuppe, muess sie Exischtänz ufgä, muess dür ds Chaos ga, um eines Tags us däm Kokon use ds schlüpfe. Niemer cha ihre drbi häufe. Die Metamorphose wird äs wichtigs Motiv für Julia. Mi muess sich dür Liide u Schmärze zu me ne höchere Wäse verwandle. Das het si de ou gmacht. D Sterchi u d Liebi zur Schöpfig het sie exemplarisch bewise. Sie isch dreizwänzgjährig uf dä Boum u isch dört obe über zwöi Jahr blibe. Aui die Ärläbnis schiuderet si i däm Buech. Ds Buech isch aber ou ä Expertise, wie me Umwäut muess schütze, äs Handbuch für hütigi Jugendlichi i irne Zwänzgerjahr. Äs Buech für d Klimajugend.

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