Tagebuch #128

Endlich, nach dem langen Regen doch noch Sommertage mit Sommerhitze. Gut für die Feigen und Zwetschgen im Park, gut für die Trauben auf unserem Balkon. Gut für die ganze Natur nach den Überschwemmungen. Das Gras auf der Arena grün wie selten im Sommer.

Politisch die Wiederübernahme der Taliban, einer rückschrittlichen Kultur, z.B. in Bezug auf Frauenrechte. Die zwanzig Jahre der westlichen Hilfe, das Milliarden kostete, konnte offensichtlich nicht überzeugen, das westliche Kultur die bessere Kultur ist. Der Westen kann auch mit Geld nicht überzeugen. Wie müsste das Angebot sein, dass es nachhaltig wirkt. Mahatma Gandhi hat es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass es auch eigene kulturelle Ressourcen gibt die überzeugen. Doch wenn man das heutige Indien anschaut, dann ist wenig von Gandhis geistigem Erbe zu sehen.

Die ungelösten klimatischen uns sozialen Probleme der Erde sind riesig. Es braucht noch Jahrhunderte an einzelne bewussten Menschen, die ganzheitliche Konzepte entwerfen, um die Katastrophe des menschlichen und ökologischen Kollapses zu verhindern. Die Klimajugend macht es uns vor und gibt mir trotz Allem Mut für die Zukunft.

Im Schlössli gibt es wieder nach der Lockerung der Corona Einschränkungen Leben in die kulturelle Tätigkeit:

10. Juli: Kamila und ich waren in der Ausstellung von Gianni Vasari in Biel. Die Freude des Wiedersehens war gross. Vor dreissig Jahren kaufte ich ihm ein schwarzweisses Bild der Holzdruck-Art „der Schrei“ ab. Nun sind seine Bilder wunderbar farbig. Eine Farbexplosion voller Freude.

Ende Juli waren Kamila und ich - nach einem Jahr Pause - in Tschechien. Wir trafen unsere Freunde und Freundinnen und liessen uns von der schrecklichen Zeit des Korona und der kreativen Überlebensstrategie berichten: Ein ehemaliges Studentenpaar, Iri und Marketa die ich an der Akademie für künstlerische Sozialpädagogik mitunterrichtet habe, inzwischen als Landwirt und als Kunsttherapeuten in Deutschland ausgebildet, leben wieder in Tschechien. Gerade haben sie ein Zwillingspaar bekommen, zwei Buben. Iri zeigte uns den Hof des ehemaligen Bauernhofs der Grosseltern von Marketa. Schon ist der Hof modern ausgebaut. Ein grosser Pflanzblätz zeigt das praktische Können von Iri. Iri hat bereits in Tschechien eine Ausbildung für biodynamische Landwirte organisiert. Eine eigene Zeitschrift, wie er die biodynamische Arbeit in Tschechien vernetzt.

In Prag trafen wir den Direktor der Waldorfschule Jinonice und seine Frau. Sie zeigten uns den neuen Schulhausbau. Die ganze Schule mit den Werkstätten. Sie erzählten uns, wie sie in der Korona zeit, die Schüler konnten fast ein Jahr nicht in die Schule kommen. Für die Unterstufe kreierten sie eine Schachtel voller Materialien um doch noch – wenn auch zuhause – künstlerisch-handwerklich tätig zu sein. Die Schule organisierten ein schuleigenes Radio, ja sogar ein Fernsehstudium, um mit den Schüler*innen in Kontakt zu bleiben.

Wir trafen auch noch Martin, der in den Waldorfschulen regelmässige Bienenkure gibt. Die Stiftung für Heimpädagogik hat ihm auch finanziell geholfen.

Wir besuchten auch noch die verwandten von Kamila, Mutter, Vater, Bruder in Mähren. Dort übernachteten wir auch noch bei unseren Freunden Pavel und Pavlina. Pavel hat ja dort ein Holzhaus ganz selber nach alter Art mit Schindeldach gebaut. Eindrücklich.

Dann fuhren wir noch ins Allgäu in Süddeutschland, besuchten die pittoreske Stadt Füssen.

Am 8. August gab es kurzfristig  eine Clownerie und Akrobatik von unserem Künstlerpaar Ried und Gogo in der Arena. Mit hinreissendem Schalk und Können unterhielten sie Klein und Gross. In den Kindergesichtern spiegelte sich die Freude, Phantasie und Erstaunen ob all dem Dargestellten. Am Abend zeigte Mats sein Können im Drudenhof. Er trat als Magier der Geräusche und Töne auf. Wunderbar was da alles gemischt wurde. Es wurden akustische Köstlichkeiten dargeboten. Eine Ohrenfreude.

Vom 11. bis am 17. August besuchten uns unter Leitung von Daniel, einem Partubicer Waldorflehrer etwa zwanzig SchülerInnen. Sie benutzten unsere Infrastruktur im Burgunderhof, Lilienhof und Treff. Sie erneuerten unser Holz Tipi fast ganz, mergelten den Weg in der Arena, halfen überall im Park mit Jäten und Rasenmähen, putzten den Naga-Teich und das Labyrinth. Sie machten auch Ausflüge auf die Stärenegg, auf die Petersinsel, nach La Tene und badeten in unseren Seen und in der Aare in Bern, machten eine Führung durch die Altstadt Bern. Wir staunten ob ihrer Schaffensfreude und Kraft, ihre Geschicktheit. Am letzten Abend buken sie Pizzas in unserem Pizzaofen, sangen mit Gitarrenbegleitung tschechische Lieder. So war der Aufenthalt der etwa Sechzehnjährigen ein grosses Geschenk an den Rosenhofpark. Das Geschenk wird nachhaltig in den nächsten Jahren wirken.

Das Wetter zeigt sich  momentan von der sonnigen Seite. Kaum Regen. Die Feigen und Trauben können reifen.

Jetz no ä bärndütschi Tägscht vo mir:

Ä Anthroposoph isch ou mängisch ä keine

Was isch de überhoupt ä Anthroposoph? Das isch ä Mönsch wo Rudolf Steiners Gedanke über d Wäut u dr Mönsch ä chli kennt. Auso ä Wäutsicht, wo dr Mönsch umfassend beschribt i sire physische, ätherische seelische u geischtige Dimension. Dr Steiner erwitteret äm Goethe sie Naturerkenntnis u sini Dichtig, zum Bischpiu im Fouscht. Är erwitteret äm Schiller sie Schpiutrieb zwüsche Form- u Stofftrieb, i däm är seit, dass aui kuutureui Beschträbige dürkunschtet wärde müesse. Auso äs bruucht ä Erziehigskunscht, ä Gsundheitskunscht, ä Schtaatskunscht, ä Landwirtschaftskunscht, ä Wirtschaftskunscht. Dr Künschtler muess aber frei si. Ersch denn äntschteit öppis Neus u Kreativs.

Aber wie handlet de ä Anthroposoph? Är handlet immer u se me Ganze use. Sini Handlige si moralisch. Dr Steiner meint drzue: Nid nume us de Triebchräft, nid nid nume us dä gseuschaftliche Norm use handle, sondern vor Auem us dr moralische Phantasie, us dr Intuition. Dr Pestalozzi hets no ilüchtender gseit: Dr Mönsch isch ds Wärch vo dr Natur, är isch aber ou ds Wärch vo dr Gseuschaft. Wen är aber wott ä Mönsch si, de muess är ds Wärch vo sich säuber wärde.

Das Wort Anthroposoph bezeichnet ä Mönsch, wo im umfassende Sinn mönschlich handlet. Mir gseh, dass isch ä Titu, unger däm chuum eine cha desume loufe. I säuber, wo mis Läbe lang Steiner gläse ha, würd mi nie Anthroposoph betitle. Das wäre de ds grossi Schue für mi.

Die wo sich Nichtanthroposophe nenne, zeige öppe kritisch uf die sogenannte Anthroposophe, um zeige was das für Karikature sige. Doch das sie äbe grad keni Anthroposophe. Sie si viellecht, wes guet geit, Fasch-Anthroposophe. Doch ou bi ihne houperets, wie bi Angerne a dr Morau, äm Umwäutbewusstsiin, am Soziale, am gsung ässe, a dr Beziehigsfähigkeit. Äs mönschelet äbe überau ä chli u mängisch ou ä chli viu.

Dr Steiner isch nids Problem, äs sie die wo sich Anthroposophe nenne. Das chönnt me ou zue de Chrischte säge. Nid Bibu oder Chrischtus isch ds Problem, sondern die sich Chrischte nenne, au die Fundis u theologisch Intellektueue.

Die anthroposophischi Bewegig isch wäutwyt. Überau wo Waldorfschuele si, isch das äs Glück für d Ching. Mi isch nid im Schtress schnäu öppis z lehre. Mi überchunt Zyt drzue. U jedes Ching wird akzeptiert sigs nach Chrakter, Äntwickligsschtand oder Härkuft. -  Die biodynamischi Landwirtschaft isch sit dr Begründig düre Steiner uf aune Kontinänte verträte. Hie gits Chüe mit Hörner. Dr Komposcht ihre Dünger. Ke Peschtizid. Dä biodynamische Wybure ihre Wy sig dr chüschtigscht. – Die anthroposophischi Medizin geit vom gsunge Mönsch us u wott si Immunität schterche. – Die anthroposophischi Schtärbebegleitig zeigt ä Wäg über ä Tod use.  - Dr anthroposophisch KünschtlerIn wott, dass jede u jedi zum Künschtler wird. – Die anthroposophisch Wirtschafter wei, dass äs ä läbändige Usdusch git zwüsche dä Produzänte u Konsumänte. – Für ä Steiner si ou Schwärschtbehinderti vollwärtigi Mönsche. Jedes Läbe het ä Sinn. Viellecht si das ou Vorbereitige uf ä näs nächschts Läbe.

Eigentlich gits gar keini Anthroposophe i Reinkuutur. Sie si aues Stückwärk i dr richtige Richtig, aber no lang nid äm Ziu. Das si mer Aui. Schüsch luege mer doch uf aui üsi Problem. Mir si ds Problem. Aui üsi Uvoukommeheit mache üsi Ärde zu re Kataschtrofe-Ärde. Gö mer i die richtigi Richtig. Aber mache mir üs nüt vor. Mir si no ganz am Afang vo dr Schöpfig. Doch jetzt müesse mir Mönsche das ohni Gott schaffe. Viellecht mit ihm.

‹ zurück zur Übersicht