Tagebuch #135

Erinnerungen an Reise nach Kiev

Schon seit Tagen ist warmes Frühlingswetter. Haben noch vor zwei Wochen die Elfenkrokusse zu Tausenden geblüht, sind die Aprilglocken mit ihrem starken Gelb erwacht und dominieren den Rosenhofpark. Dazu Kommen die von mir schon immer geliebten blauen Trommelschlägel. So wetteifern das starke nach Aussen wirkende Gelb mit dem melancholischen Blau. Aber die hellblauen Vergissmeinnicht, die unschuldigen Buschwindröschen in Weiss. Ganze Nester bereiten sich von ihnen im Park aus. Aber die innigen Veilchen blühen auch. Schon die ersten wilden Tulpen, aber auch die Knallroten zu Hunderten fangen an zu protzen.

So wird die Natur jeden Tag zu einer neuen Überraschung. Diese Farben erfreuen und erwärmen das Herz. Und so ergeht es mir jeden Frühling: Mein Eindruck ist: So schön, so farbig war es noch nie. Oder bin ich immer beeindruckbarer?

Ich habe mich in der letzten Zeit mit Rainer Maria Rilke befasst. Er ist in Prag geboren (1875), wo ich Morgen für zwei Wochen hinfahre. Ein Leben von Anfang an ein Dichter. Er hat Europa von Russland bis Paris, von Italien bis Norddeutschland, von Dänemark bis Spanien  und darüber hinaus ,bereist. Seine Begegnungen mit Lou Andreas-Salomè, Sigmund Freud, Stefan George, Tolstoi,  Boris Pasternak, Paula Moderson Becker, Cezanne, Prinzessin von Thurn und Taxis in Triest, Nanny Wunderlyn seine Mäzenin und Werner Reinhard u. a.

Die konkreten Beziehungen setzten sich fort in all den Briefen. Hier sucht er das Gespräch in schriftlicher Art. Er verbindet sich so mit dem Menschen in innigster Weise.

Er verheiratete sich mit der Bildhauerin Clara Westhoff und sie hatten eine Tochter. Er hatte kaum einen festen Wohnort. Immer war er darauf angewiesen, dass ihn, oft Aristokraten in ihre Schlössern, einluden, um dort zu wohnen. Am Schluss seines Leben gelangt er ins Wallis an der Grenze zwischen Deutsch und Welsch. Der Sprachbegabte und Übersetzer schreibt wundervolle Gedichte in Französisch.

Sein letzter Aufenthalt ist das Chateau de Muzot in der Nähe von Siders. Er kann endlich die vor Jahren angefangenen Duineser Elegien fortsetzen. Die Krönung seiner Dichtung.

Jean Gebser zeigt Rilke im Zusammenhang mit Spanien und da das Erlebnis in Toledo. In dieser Stadt erlebt Rilke durch El Grecco die Schwelle zwischen Leben und Tod. Toledo ist ja auch die Stadt des Parzivalmythos. Hier habe Kyot durch Flegetanis die Urschrift der Parzivalgeschichte gefunden. Rilke ist ein Grenzgänger zwischen Leben und Tod, mit Engeln umgeben. Der Tod ist in allem Leben.

So schreibe ich das Tagebuch über den Frühlingspark im Rosenhof. Aber auch über Rilke. Hat das einen Zusammenhang mit der gegenwärtigen Kathastrophe mit dem Krieg in der Ukraine. Fast habe ich Mühe von Frühling und Dichting zu sprechen. Nur zu hoffen, dass auch einmal in der Ukraine der Frühling wieder besungen werden kann.

Ich fand in meinen berndeutschen Erinnerungsgeschichten meine Reise nach Kiew:

Die „Neue Ching“ im Hochhus a dr pädagogische Hochschueu u die ungerirdische Gäng in Kiev. Orthodoxi Jude am Flughafe.

Vor Jahre bi nig vo dr Sophia-Waldorfschueu i Kiev iglade gsi um dört ä pädagogische Kurs z gä. Für mi isch das interessant gsi, wius i dere Schueu schprachlich verschideni Klasse gä het: ukrainischi u russischi. Das isch zäme gange. Ds Ukrainisch isch aber vorherrschend gsi. Äs isch no kurz nach dr Unabhängigkeit gsi. Viu het no improvisiert müsse wärde. I bi iglade worde vo Eutere. Dört ha nig ärläbt was Gaschtfründschaft bedütet: Üppigs u langduurigs Ässe. Z Beschte vom Beschte. Dr bi si di Lüt nid öppe rich gsi.

I ha die Höhleklöschter bsuecht. Idrücklich, stundelang i dene Höhline düre zloufe. Überau Kerzeliecht, Grabstättene, Autär, Heiligebiuder. Die Alage si u sem zwöufte Jahrhundert. I weiss no hüt nid warum grad so ungerirdisch. Isch es Mueter Ärde, die katakombisch Wohnstätt vo Glöibige u Tote grüeft het?

Im Gägesatz die pädagogischi Hochschueu höch obe: I me ne Woukechratzer. Im füfte Schtock isch d Oula gsi. Zersch bi nig no bim Rektor i sim Büro gsi. I ha natürlich müesse Wodka trinke. De bi nig id Aula cho. Dört si vierhundert SchtudäntInne gsässe. Vieli uf äm Bode, wius zweni Schtüu gha het. Dr Rektor het gmeint, we de scho ä Profässer us dr Schwyz chömi, de söue müglechscht viu cho für di Vorläsig.

Nu, die Vorläsig vom Profässer Seiler isch de ou für die Schtudäntinne ugwohnt gsi: I ha zersch mit ne äs paar Känön gsunge. Zersch hei si das komisch gfunge. Was söu das, i dr Universität singe? Si hei aber das schnäu gärn gmacht. U si hei gmerkt, das das nümme nüt isch, so ne Chor vo vierhundert SchtudäntInne us äm Nüt use eifach chönne ds singe.

Mis Thema isch ja gsi die „Neue Ching“. Wie si d Ching hüt. Si si angersch aus vor zäh Jahr? U scho het die Vorlässig immer no ni nid agfange. I ha Schtudänte ufgforderet füf Minute mit enang z rede, ob die hütige Ching angersch si. Das isch de eidütig beschtätigt worde: D Ching si viu individueller worde. Hei müi gseuschaftlichi Norme z akzeptiere. Sie si nümme so bereit eifach z akzeptiere was Vater u Mueter seit. Si hei me Frage aus Antworte.

I ha ne de das aus no chli usgfüert u ne gseit, dass das äs wäutwyts Phänomen sigi. Für die „Neue Ching bruuchts ä neui Schueu. U i ha ne de vo dr Waudorfschueu- Pädagogik verzeiht. Wie das Künschtlerische so wichtig sigi. Mi müessi zersch mit de Häng u Füess lehre, bevor mit äm Gring. Bezieig zwüsche de Ching u de LehrerInne sig z wichtigschte. Nume we d SchülerInne d LehrerInne gärn eigi u umgekehrt, äntschteit äs begeischtereds Lehre. Äs sie de viu Frage gschteiut worde. Äs het nümm wöue höre. Einzelni hei nach zwöiuhaub Schtung u säm Sau wöue schliche. Dr Räkter het das graduse verbotte. We de scho mau ä Profässer .... Si hei de no mau öppis wöue singe. I ha die säutsami Vorläsig gschlosse u ne dankt dass sie so lang usgharrt hei.

Wo nig uf äm Flughafe mi itschegget ha, ha nig no öppis Schrecklichs ärlbt: Glichzytig si hunderti vo orthodoxe Jude dört gsi. Die si viellecht ämene bsungere Feschtag u Ort i dr Ukraine gsi. Die agressivi Art wie die glärmet hei, het mi agwideret. Ig wo ds Judetum immer bewunderet ha, ha hi Jude kenne glehrt, wo nüt me vo däm hebräische Humanismus vo me ne Martin Buber verträte hei. Wieder ha nig gmerkt, dass äs i jeder Religion oder Geischtesrichtige Extremi git, wo de oft Ushängeschiud si. Mi muess de das süferlig ungerscheide, um nid Vorurteil gägenüber äre Vouksgruppe ds übercho.

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