Tagebuch #141

Herbst ist da - auch im Schlössli

Der Herbst ist da. Es herbstelt. Die Blätter fallen. Die Früchte füllen sich: Kürbis in allen Farben und Formen, Äpfel und Quitten, Karoffeln und Rüben. Haben wir im Frühling die regenerierende Kraft der spriessenden Natur, im Herbst ist es die verwelkende Kraft der farbigen Blätter, die noch einmal aufblühen: Gelb, Orange Rot Violett.

Wir hatten am 8. Oktober die Gründung des Vereins „Houdere“, der das obere Jodellandes bewirtschaftet. Schon seit Monaten beliefert dieses Projekt mit etwa 20 Gemüsekistchen unsere Haushalte.

15. Oktober: Stefanie, unsre Kunstmalerin mit ihrem Malatelier im Lilienhof, eröffnet im Rüttihubelbad mit einer Vernissage ihre Ausstellung. Dutzende schönster Bilder blicken einem warm entgegen. Eine kreative Pracht!  Mit ebensolcher Kreativität spielt eine Jazz-Formation mit begabten Musikern.

Julian organisiert am 18. Oktober in einem Podium eine Zukunftswerkstatt über unseren Runensaal im Druidenhof.

Am 22. Oktober gastiert Jan Repka aus Tschechien im Runensaal vom Druidenhof: Er singt Mani Matter-Lieder, z T übersetzt ins Tschechische und eigene Lieder. Ein wundervoller Abend mit Bassbegleitung und vielen Besucher*innen.

Die Mitglieder des Büros der Stiftung Seiler verbringen einen schönen Abend im Restaurant „Drei Fische“ in Lüscherz.

26. Oktober: Ueli und Kamila fahren für zwei Wochen nach Tschechien und Slowakei. Ueli gibt in Bratislava einen Kurs über den „Parzival“.

In den letzten Tagen las ich „Die grüne Schlange“ von Margarita Woloschin, einer russischen Malerin und Schriftstellerin. In diesem Buch beschreibt sie ausführlich ihr eigenes Leben bis 1925, ihrem 43. Lebensjahr, dem Todesjahr von Rudolf Steiner. Es ist fast die Hälfte ihres Lebens. Sie wurde 91 Jahre alt.

Margarita wurde in eine reiche Moskauer-Familie hineingeboren. Der Vater war Geschäftsmann, die Mutter engagierte sich in der Gründung von sozialen Einrichtungen. Durch die Beschreibung in diesem Buch bekommt man Einblick in die hochstehende russische Kultur. Unzählige Namen von Dichtern, Musikern, Schauspielern und Wissenschaftlern lässt sie Revue passieren: Z B Tolstoi, Dostojewski, Andrej Bjelyj, Soloviev.

Sie beschreibt in poetischer Weise die Landschaft Russland, die arme Bevölkerung und ihrer Beziehung zur Mutter Erde. Alle ihre Hunderte Begegnungen charakterisiert sie physiognomisch präzis. Sie studiert Malerei und besucht aber ganz Europa. Sie wird bekannte Porträtistin.

Mit einundzwanzig trifft sie Rudolf Steiner. Und es ist faszinierend, wie sie Rudolf Steiner Fragen stellt, wie er sie auch persönlich beantwortet. Durch diese Schrift erfährt man viel lebendig Persönliches über Rudolf Steiner. Sie erlebt Rudolf Steiner auch in München bei den Mysteriendramen, dann beim Bau des ersten Goetheanums. Sie schnitzt und malt an diesem einmaligen Kunstwerk inmitten von hunderten Menschen aus aller Welt. Es sind auch viele Russen in Dornach, z B Bjeyi. Während der Vorträge Steiners donnern die Kanonen im Elsass. Viele der Helfer*innen müssen in ihre Länder zurück. Der erste Weltkrieg ist im vollen Gange.

Viele der Russen hoffen auf eine friedliche Revolution. So auch Woloschin. Sie fährt mit Lenin 1917 im plombierten Wagen von der Schweiz nach Petersburg. Die Revolution all überall.

Sie versucht in Moskau einen anthroposophischen Kreis zu bilden, der anfangs noch erlaubt wurde, dann aber auch nicht mehr möglich ist. Sie beginnt sich in Kunstprojekten einzubringen. Doch zunehmend wird ihre Mitarbeit in der bolschewistischen Revolution nicht mehr geduldet. Anfangs der Zwanzigerjahre ist sie wieder in Deutschland in anthroposophischen Zusammenhängen. Der Kommunismus, so empfindet das Woloschin, ist ein Fremdkörper in Russland. Er ertötet die Spiritualität Russlands.

Das Werk Woloschin zeichnet und malt das spirituelle Russland. Ein Kulturgut, das die westliche Welt dringend nötig hätte. Durch den Angriff Putins auf die Ukraine verunmöglicht er für Jahrzehnte hinaus russische Menschen und ihr Kultur im Westen zu wirken zu lassen. Eine Katastrophe.

Wie eingangs erwähnt, es ist Herbst geworden. Dazu habe ich ein Gedicht, das im Morgenritual des Insich-Projekts gesungen wurde:

Herbst ist da

Herbst ist da, der Sommer verging,
Kühler die Winde wehn.
Hinter den Wäldern, über den Felder
Glänzet der Mond so schön.

Herbst ist da, so singt Euer Lied,
Mag auch der Sommer vergehn.
Heller die Sterne, näher die Ferne,
Glänzest der Mond so schön.

Herbst ist da, bald ruhet das Land,
Vögel gen Süden ziehn.
Leer sind die Felder, stiller die Wälder,
Wolken am Himmel fliehn.

Herbst ist da, bald ruhet das Land,
Sommerlich Lied verklingt.
Will nichts mehr fragen, will nichts mehr fragen
Nebel sein Spiel beginnt.

Herbst ist da, es erntet die Zeit,
Alles was reif ist, fällt.
Lautloses Fallen, Fallen in Allem
Was da noch fest sich hält.

Herbst ist da, der Sommer ging hin,
Kühler die Winde wehn,
Heller die Sterne, näher die Ferne,
Glänzet der Mond so schön.

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