Tagebuch #103

Heute sind es genau 5 Jahre her, als ich ins Kantonale Jugendamt in Bern zitiert wurde und mir eröffnet wurde, dass die Bildungsstätte Schlössli Ins ab August 2014 geschlossen wird. Dies ist wohl mein tiefster Punkt in meinem Leben. Diese Ohnmacht gegenüber einer Staatsmacht, die sich in einer schrecklich destruktiven Frau personifizierte, war für mich als ehemaliger Achtundsechziger eine Katastrophe. Wir, die damals „Legal, illegal, scheissegal“ riefen, das Schlössli, das Jahrzehnte lang kaum vom Staat in seiner Aufgabe eingeengt wurde, wurde einfach geschlossen. Ich musste zusehen, wie professionelle Liquidatoren das Schlössli systematisch zerstören, alles taten, dass nie mehr auf Schlössliboden pädagogisch gearbeitet werden konnte. Also ein Werk der verbrannten Erde hinterliessen.

Anfang August 2014 stand ich mit den über 20 Liegenschaften alleine da. Der Verein Schlössli Ins, der bisher der Stiftung Seiler fast eine Million Miete bezahlte, hatte kein Geld mehr. Ich wurde damals immer wieder gefragt, was willst Du mit diesen Häusern machen? Ich wusste es nicht. Etwas, was ich als Tatmensch und Choleriker bisher nicht konnte, ich musste warten. Die Initiative war nicht mehr bei mir. Ich wartete auf MieterInnen, die unsere Liegenschaften mieten wollten. Ich wurde zur Langsamkeit gezwungen. Alles entschleunigte sich.  Im Gedicht von Jean Gebser heisst es: „Alle schnellen Dinge sind Verrat, nur wer warten kann, wird es begreifen: nur dem Wartenden erblüht die Saat“.

Heute ist das Schlössli voller Leben. Es gibt kaum noch Ecken, die wir vermieten können. Wunderbare Menschen wohnen darinnen. Etwa 150.

Über 20 Projekte entwickeln sich. Kunstateliers, Werkstätten. Musik- und Theatergruppen, eine Zirkusschule, ein Steinerkindergarten, eine Kräuterschule, betreutes Wohnen usw. Es gibt ein Treffpunkt, wo sich die MieterInnen treffen, es gibt eine Vollmondsuppe und verschiedenste Jahresrituale, eine Gruppe erarbeitet sich ein Projekt für biologische und solidarische Landwirtschaft auf dem Jodelland.

Der schreckliche Samstag, der 30. Januar 2014, verblasst langsam zur Historie. Ich habe kaum Groll zu diesen Menschen, die das Schlössli zerstört haben. Warum auch? Sie haben selbst das Schicksal der Zerstörer gewählt. Ich selbst habe meine Kräfte in die tägliche Gegenwart und in die Zukunft gesteckt. Dazu bin ich kaum ein nachtragender Mensch. Bei diesen Schicksalsschlägen, die scheinbar von aussen kommen, weiss man nicht genau, was man selbst dazu beitrug. Und vielleicht musste das alte Schlössli zugrunde gehen, damit etwas Neues entstehen konnte.   Wenn ich heute durch das Schlössli gehe und die freundlichen Menschen treffe und vor allem die vielen kleinen Kinder, es werden zur Zeit immer wieder neue geboren, dann denke ich, dass da Platz gemacht wurde, für Neues.

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