Tagebuch #101

Rückblick und "Nach-Vorne-Schauen"

Es ist Sylvester. Zeit etwas Rückblick zu halten, aber auch nach vorn zu schauen:

Die sich abzuzeichnenden finanziellen Jahres-Abschlüsse der Stiftung Seiler sehen gut aus. Es konnten leichte Reserven in Bezug auf die Liquidität erarbeitet werden. Durch konsequente Führung der Ausgaben sind wir finanziell nicht mehr eng drin. Das heisst zugleich, dass wir notwendige Inventionen in die Zukunft verschieben können, wenn das Warten zu verantworten ist.

In den letzten Tagen haben wir zwei jungen Männern einen Mietvertrag für die Schreinerei unterschrieben. Sie werden ab 1. Februar 2019 einen eigenen Betrieb für Kücheneinbau und Massivmöbelbau beginnen.  Damit haben wir kaum noch Räume zu vermieten.

Vieles konsolidiert sich auch mit den Mietwohnungen. Fabian, unser Hauswart, macht und organisiert Reparaturen. Nach den Festtagen werden die Parkplätze hinter dem Tellenhof fertig gestellt. Im Battenhof ist das Jahr hindurch vieles geschehen: Dank der Mithilfe der BewohnerInnen ist nun die Holzversorgung mit Unterständen geregelt, der Boden der Parterrewohnung West und ein Ostzimmer isoliert, die Wasserzuleitung neu installiert. Diese WG ist vorbildlich in Bezug auf Selbst-Initiative.

Im Rosenhof hat sich das Insich-Projekt für betreutes Wohnen konsolidiert. Da ja die Wohnung von Regula Schmid ( Sie ist im Herbst ausgezogen) umfassend repariert werden musste, war die Frage, ob das dortige Team es schaffen würde, genügend Hand anzulegen. Heute sind die Zimmer fast fertig, es wurden Wände gegipst, Böden geschliffen und eingeölt, eine neue Holztüre eingebaut. Nach den Festtagen können im Rosenhof  insgesamt 10 Betreute aufgenommen werden.

Im neuen Jahr sind wahrscheinlich die Priorität auf  die Sanierung von Kanalisationen und des Rosenhof-Nord Dach gesetzt. Im neuen Jahr wird Tom den Jahresabschluss 2018 der Stiftung Seiler und der Schlössli Ins AG das erste Mal selbständig zu erstellen haben.

Projekte von Kamila und mir sind in Tschechien im Februar, Mai und August geplant.

Ich selbst bin immer noch neugierig auf neuen Lesestoff: In den letzten Monaten las ich einen Roman aus den Zeiten von Nikolaus Kopernikus und eine Biografie über Giordano Bruno, der ja nach 10 Jahre Haft in Rom als Oberketzer  im Jahre 1600 verbrannt wurde. Ich war erstaunt, wie Giordano Bruno sein Leben lang mit Hartnäckigkeit zu dem stand, was er selbst für wahr hielt. Ein starker Vertreter der modernen Bewusstseinsseele.

Dann las ich mehrere Schriften über das  künstlerische Werk, den Menschheitsrepräsentanten, von Rudolf Steiner. Diese aus Holz geschnitzte Darstellung des Christus inmitten der Widersacher Ahriman und Luzifer hat mich schon immer beeindruckt. Schon nur die geniale und äusserst originelle Idee, die Christustatsache so dar zu stellen, ist einmalig. In der heutigen Zeit haben Viele Mühe mit dem Christus. Sie verbinden mit Christus das, was sie in den institutionellen christlichen Kirchen und ihren Glaubensinhalten erlebt haben. Doch Steiner meint mit Christus etwas weit über den Religionen: Er sieht Christus anthropologisch. Der Mensch mit seinem höheren Ich inmitten der notwendigen mephistophelischen Widersachermächten. Christus bekämpft nicht das Böse. Nicht das Böse steht gegenüber dem Guten, der Menschheiträpresentant liebt das Böse gut. Im Christusgesicht zeigt sich Erstaunen, Mitgefühl und Gewissen.

Dann las ich über Karl König, dem Begründer der Camphill-Bewegung, von anthroposophischen, sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften und Schulen, welche Unterstützung bieten in Bildung, Arbeit und im täglichen Leben für Erwachsene und Kinder mit Lernbehinderungen und psychischen Störungen. Die Gründung geschah in Aberdeen in Schottland 1939.

Für mich interessant ist, dass der bedeutende und ehemalige Schüler Sigmund Freuds, Alfred Adler, geboren 1870, 1937 in Aberdeen an Herzversagen starb. Dieser grosse jüdische Psychotherapeut musste auch nach Amerika emigrieren und hielt in den letzten Jahren in der ganzen Welt Vorträge. Wäre er achzigjährig wie Freud und Jung geworden, wäre seine überaus praktische Psychologie noch bekannter geworden. Er war der Begründer der Psychologischen Dienste.

Karl König, 1902 geboren, wächst in Wien in einer jüdischen Familie auf, lässt sich später katholisch taufen und studiert Kinderarzt. Er arbeitet wissenschaftlich in der Embryologie. Obwohl Rudolf Steiner in Wien Vorträge hielt und Karl König schon Kontakte zur Anthroposophie hatte, er besucht die Vorträge Steiners bewusst nicht, was er später bereute. Erst nach dem Tod Steiners kommt König nach Arlesheim, in die von Dr. med. Ita Wegmann geleitete anthroposophische Klinik. In Arlesheim arbeitet er im neugegründete anthroposophischen heilpädagogischen Heim Sonnenhof und spürt, dass diese Arbeit seine Lebensaufgabe ist. Er arbeitet noch in Niederschlesien in einem Heim, wo er auch seine Frau findet. Dann hat er als ausgezeichneter Arzt eine grosse Arzt-Praxis in Wien. Die Besetzung Österreichs durch Hitler gefährden ihn und andere Juden und sie emigrieren nach England. Dort begründet er mit andern die Camphill-Bewegung in Aberdeen.  Kurz vor seinem Tod 1966 habe ich ihn in einem Vortrag in Stuttgart über die sogenannten Contergan-Kinder erlebt. Ich erinnere mich noch, wie der kleinwüchsige Mann ans Rednerpult trat und mit mächtiger Stimme und klaren Worten vortrug.

Dann las ich eine Autobiografie von Herbert Hahn(1890 – 1970). Er ist 1919 neben Steiner der eigentliche Gründungslehrer der Waldorfschule in Stuttgart. Diese Bewegung feiert nächstes Jahr ja auch die Hundert Jahre Waldorfschule. Seine Autobiografie geht auch nur bis zur Gründung der ersten Waldorfschule.

Im Baltikum aufgewachsen, sein Vater, ein Deutschbalte, ist Stadtgärtner im esthnischen Pernau und stirbt früh. Das Baltikum gehört damals zu Russland und die Unterrichtssprache ist nebst Estnisch und Deutsch, Russisch. Herbert Hahn ist sprachbegabt und lernt auch etwas Italienisch und Französisch. Durch einen Freund lernt er früh die Musik schätzen. Nach dem Abitur studiert er in der estnischen Universität Dorbat. Dorthin wurde 100 Jahre vorher Heinrich Pestalozzi vom russischen Zaren an die Universität berufen. Er sollte in Russland die Armenerziehung einführen. Pestalozzi sagte ab und gründete in Yverdon sein in Europa berühmtes Institut, worin er auch Schüler hatte aus dem Baltikum hatte.  Anfangs der Achzigerjahre hielt ich in Dorbat, im Rahmen meiner Tätigkeit als Gastprofessor an der lettischen Universität in Riga, einen Vortrag über die Schlösslipädagogik.

Herbert Hahn studiert in Heidelberg. Dann macht er mit Freunden die Reisen nach Paris und Neapel und lernt dabei die Landessprachen. Später ist er in Berlin und hat Gespräche mit Rudolf Steiner. Nun wird er von Emil Molt in seine Waldorf-Astoria- Zigaretten-Fabrik berufen. Er gibt dort Bildungskurse für die Arbeiter.  Emil Molt gibt das Kapital, um für die Kinder seiner Fabrik eine total neue Schule zu gründen. Diese Schule soll ganz im Sinne der Anthroposophie und ihrem Menschenbild gestaltet werden. Emil Molt, Herbert Hahn und Rudolf Steiner haben die ersten Besprechungen für das Konzept dieser Schule. Rudolf Steiner beruft noch andere Lehrer, z. T. keine diplomierten Lehrer, und gibt ihnen einen zehntägigen Kurs. Am 7. September 1919 versammeln sich die ersten 8 Klassen mit insgesamt mit zweihunderundfünfzig SchülerInnen im Stadtgarten in Stuttgart und beginnen ihren Unterricht in dieser neuartigen Schule. Hier endet die Autobiografie.

Herbert Hahn ist mir schon seit den Sechzigerjahre bekannt mit seinen Büchern „Vom Genius Europas“. Diese Völker-Psychologie, ganz phänomenologisch, brauchte ich für meinen Geografie- und Geschichtsunterricht. Er hat noch andere Bücher heraus gegeben, die alle sprachlich gekonnt und auch für einen Laien gut verständlich sind.

 In den letzten Monate las ich in verschiedenen Lebensdarstellungen über Goethe. Goethe, wie Herbert Hahn, wurden über achtzig Jahre alt. Ein so reiches Leben zu studieren ist faszinierend. Was nur aus einem Menschen heraus alles für die Welt geschaffen wurde, zeigt was Kultur bedeutet: Es geht darum, dass es eben individuelle Menschen sind, die Kultur schaffend und tragend sind.

Zu Weihnachten schenkte mir meine Tochter Alma das Buch „Die bessere Hälfte. Worauf wir uns mitten im Leben freuen können“von Dr. med. Eckart von Hirschhausen und Prof. Dr. med. Tobias Esch. Das überaus gut zu lesende Buch geht von der These aus, dass die zweite Hälfte des Lebens glücklicher sei als das erste. In unterhaltsamen Zwiegesprächen unter den zwei Ärzten entwickeln sie anhand von Umfragen und Neurologie, warum die zweite Hälfte des Lebens mehrheitlich glücklicher sei. Die zwei Ärzte haben ein modernes ganzheitliches Weltbild. Sie vertreten eine Komplementärmedizin und sind der Meinung, dass viel zu viele Medikamente verschrieben werden. Der Mensch kann  schon viel prophylaktisch für ein gesundes Alter tun: Viel Bewegung, Meditation, Einsatz für andere Menschen, kreative Betätigung, Naturerlebnisse usw. Der Mensch kann innerlich wachsen durch Krankheiten, verschiedene Schicksalsschläge. Wundermittel sind der Humor, das Lachen über sich selbst, das Loslassen, das Nichtstun. Obwohl alle diese Dinge für mich nicht neu sind, so bin ich erfreut, dass es solch namhafte Ärzte gibt, die nicht technokratisch den abhängigen Patienten propagieren, sondern das Schicksal und Altwerden dem kreativen Menschen selbst in die Hände geben. Ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Zwischendurch las ich das erste Mal Romane von Georges Simeon(1903 – 1989) und zwar die berühmten Maigret- Kriminal-Romane, davon es über 80 gibt. Ich hörte schon mein Leben lang von Simeon, habe aber nie Romane von ihm gelesen. Simeon war ursprünglich Belgier, war dann hauptsächlich in Frankreich und Amerika. Am Schluss seines Lebens wohnte er in der Schweiz, in der Nähe von Lausanne. Simeon war einer der meist übersetzten französischen Schriftsteller und hatte ein abenteuerliches Leben. Seine Maigret.Romane zeigen in einfachen Sätzen immer auch eine exakt beobachtetes soziales Milieu. Ich fand die antiquarischen Romane in unserer Bibliothek. Sie gehörten einmal einer Schlösslilehrerin.

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